Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INN EN-DEKORATION

EIN WUNSCHTRAUM IST ERFÜLLT...

Mittelmäßige Architekten entwerfen Möbel, zu
denen derjenige, der in ihnen wohnen soll, nie
so recht Beziehung zu finden vermag, oder sie ergeben
sich allzu dienstbeflissen unseren Angaben. Der gute
und echte Kollege von der Zunft jedoch hat die ver-
blüffende, geheimnisvolle Gabe, uns selber nicht klar
bewußte, zwischen verworrenen Plänen vergrabene
Wünsche herauszuschälen und zu erraten. Er ver-
wirklicht genau das, was wir einzig und allein und
genau so unbedingt haben möchten, wenn - wir dar-
auf kämen, und wir haben das Gefühl, als hätte uns
irgendwann, irgendwo einmal jemand bei einer klei-
nen, heimlichen Träumerei belauscht.

Ein Architekt entwarf einen Schrank, einen Da-
menzimmerschrank. Er gewährte ihm sechs Meter
Front, in vier Schiebetüren aufgeteilt. Sechs Meter
sind für einen Schrank eine durchaus ungewöhnliche
Länge. Diese äußerliche Besonderheit mußte, um
nicht zufällig oder übertrieben zu erscheinen, durch
eine besonders geartete Innenteilung gerechtfertigt
werden. Vielleicht hat der Architekt, der diesen

Schrank entwarf, gelegentlich einen Blick in eine
Damenhandtasche getan und dabei festgestellt, wie
vielerlei Unentbehrlichkeiten zur weiblichen Toilette
und zur Freude der Frau gehören. Er dachte nach,
wie man sie am zweckmäßigsten vereinigen könnte
und ersann - diesen Schrank, sechs Meter Front. . .

Ich kann mir denken, daß eine Frau, wenn sie eine
richtige Frau ist, über seiner Betrachtung Zeit und
Ort und die nächste Verabredung vergißt. Daß sie sich
ganz einfach in ihn verliebt und verliert, und daß sie
entrückt und entzückt und bis über die Ohren von
dem Wunsche besessen, ihn zu besitzen, immer und
immer wieder neue Eigenschaften und Eigenheiten
in ihm entdeckt, die ihre restlose Bewunderung und
Zuneigung erwerben.

Schiebetüren werden von der Wand geschluckt, nie
steht ein offener oder vergessener Flügel unordentlich
und störend ins Zimmer. Eine ganze Höhe füllt eine
Stufenleiter von Schubkästen, einer über dem anderen,
beglückend viele auf ein Quentchen Platz gedrängt,
Strümpfe, Taschentücher, Wäsche, Krägelchen, An-
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