Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INNEN-DEKORATION

DIE OSTFRONT DES HAUSES TRAUB TENNISPLATZ MIT SPALIERLAUBE

sind, braucht hier nicht erörtert zu werden. Auch das Entwicklung zu sichern. Einer solchen wird - so

nicht, daß die solcher Angst entspringenden Argu- scheint es heute - von der Gesamteinstellung der

mente meist recht danebengreifen. Hier soll auf die Zeit vorgearbeitet. Die neue Architektur ist zweifel-

Problematik der neuen Architektur selbst und ihre los in der Großstadtatmosphäre gediehen. Aber von

mögliche Lösung hingewiesen werden. Problematisch den Großstädten treibt sie nun aufs Land hinaus. Hier

nämlich in einem sehr tiefen Grunde mag diese neue auf dem Land wird ihre Problematik vielleicht am

Architekturform einem ernsten Besinnen wirklich deutlichsten sichtbar. Aber auch die Ansätze zu deren

scheinen. Die Schwingung gegen das »Natürliche« Überwindung. Was heute in der Landschaft noch als

scheint sich hier ganz besonders weit hinausgetragen fremd erscheint, wird in deren Gesetz hineinwachsen,

zu haben. Wird sie aus eigener Kraft in sich bestehen Und umgekehrt: aus der Landschaft, aus der Natur

können? Wird der Mensch sie ertragen? heraus werden in Form von Nötigungen, Erforder-

Es gibt einen Einwand gegen die moderne Bau- nissen und Anregungen sehr selbstverständlich
und Wohnweise, der in unbewußter Sphäre vielleicht manche Erweichungen der herben Werkform eintre-
in diese Richtung zielt: das moderne Wohnhaus ge- ten, die heute noch viele verstimmt. Kurz und gut:
stattet keine Intimität, kein Für-sich-sein des Be- man muß der jungen Architektur Beziehung zur Erde
wohners. Man wird zugeben müssen, daß die moderne schaffen. Aus ihr wird die Natur sich wieder in sie
Wohnung eine »gemütliche« Einrichtung erschwert. hineinspinnen und sie vor Hybris schützen. Daß der
So sehr wir das auch als Erziehung zu reinlicherer allgemeine Zug unserer Zeit hinaustreibt aus den
Umgebung, zu sauberer Gestaltung unserer Umwelt Großstädten, wieder zurück zum gesunden Atem der
und damit unserer inneren Welt begrüßen müssen, so Erde, das scheint uns die beste Vorbedingung für das
wollen wir doch die schwerwiegenden Fragen nicht Gedeihen einer wirklich modernen, reif in sich ausge-
überhören, wie diese neue Architektur sie stellt. wogenen Architektur. Wenn nur das Neue nicht ge-

Mit klugen Rezepten wird da wenig zu machen sein. waltsam zurückgedrängt, sondern dem stillen, allmäh-

Man kann nur versuchen, dem Neuen eine organische liehen Einwachsen in die Erde überlassen wird. Dr. r. r.
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