Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INNEN-DEKORATION

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weit gehen kann. Kein Zweifel aber auch, daß
in ihm sich ein wertvoller Zug des modernen
Menschen auslebt; nämlich der Zug, sich
nicht beim einmal Gegebenen zu bescheiden,
sondern sich tätig zu erweisen und die Dinge
nach seinem Willen zu gestalten.

So schlingt sich durch die Möbel- und Heim-
gestaltung immer auch ein Fädchen geistesge-
schichtlicher Beziehung. So gut die Möbelwelt
unsrer Väter mit ihren wuchtigen Maßen und
ihrer Versessenheit auf einen objektiven Form-
zusammenhang (den »Stil«) dafür sprach, daß
der Mensch sich damals dem Gegebenen unter-
geordnet fühlte, so gut spricht die moderne
gelockerte Wohnweise für ein neues Geltungs-
gefühl des Menschen gegenüber den Sachen.
Daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts
ändern. Auf Grund von Notwendigkeiten, die
unsrem Belieben durchaus entzogen sind, hat
sich ein Element der Veränderlichkeit in unser
ganzes Berufs- und Erwerbsleben eingescho-
ben, das uns eine jederzeitige Aufbruchsbereit-
schaft, eine rasche Umstellungsfähigkeit zur
Pflicht macht. Wir gehören nicht den Sachen,
sondern die Sachen gehören uns zu möglichst
freier Verfügung. Das ist die entscheidende
Veränderung, die sich in unseren Tagen bege-

»schaukasten« in gelbem Schleiflack mit Blattgold ben hat und die vornehmlich in unserer Wohn-

weise zum Ausdruck kommt. Wilhelm michel

wie es heute aussieht, gewachsen. Die gleiche
Anforderung stellt er an die Dingwelt, die ihn
umgibt. Auch sie soll nicht träge, nicht starr
sondern von sportlicher Gelenkigkeit sein.

Wenn wir in den letzten Jahren so viel vom '
ergänzbaren, vom praktikablen Möbel gehört
haben, so war in den meisten Fällen nicht die
Beschränktheit der Geldmittel, sondern dieser
weltanschaulich begründete Trieb zum Leich-
ten, Beweglichen, Wandelbaren der Anlaß.
Das zeigte sich schon darin, daß diese prak-
tikablen Möbel oft in recht guten Werkstoffen,
in feinen Hölzern und gediegenster Arbeit

ausgeführt waren. Nicht Armut stand Pate {km
bei jenen Einraumwohnungen mit Entlüf- tfS^a
tungsvorrichtung für das unter Tag wegge-
schlossene Bettzeug, mit richtigen Kombi-
nationen von Bücherregal und Schreibtisch, ^^^^m ^^^m ' WL *
mit allerlei ausziehbaren und ausschwenk-
baren Platten, Fächern, Schubladen — sondern
man konnte ihnen deutlich ansehen, daß es
richtige Architektenträume waren, in denen
sich gestaltende Phantasie mit Lust erging.
Es war die Idee des allzeit gefälligen, an
wechselnde Launen und Augenblicke leicht
sich anschmiegenden Hausrats, die hier die
Führung hatte. Kein Zweifel, daß man in

diesem Trieb zum praktikablen Möbel zu j. hoffmann-werkst, welz »abstelltlschchen« rosa Schleiflack
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