Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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EIN LANDHAUS IN SCHAAN (LIECHTENSTEIN)

An mancherlei Dingen wird es offenbar, wie sehr Zeugnis hierfür ab. Das ebenerdige Haus Erwin
. die Stellung des Menschen gegenüber seiner Um- Hinderers steht nicht in den Bergen und nicht in der
weit dem Wechsel Untertan, wie wandelbar sein Ja Ebene, sondern ein wenig über der Sohle des Rhein-
und Nein ist. Das - zumeist als sentimental bezeich- tales; gegen das Rheintal hin und auf die Berge der
nete - Naturgefühl zeigt das sehr deutlich. Noch Schweiz und Vorarlbergs öffnet sich hier der Blick.
Reisende des 18. Jahrhunderts priesen etwa die Lieb- Es ist ein Haus vor den Bergen, vor der Ebene,
lichkeit der Landschaft zwischen Dresden und Leip- Das hat der Architekt klar empfunden und deut-
zig, während ihnen die unerstiegenen Gipfel der lieh zu machen verstanden. Handfeste Derbheit hat
Alpen höchstens Empfindungen der Ohnmacht und er ebenso vermieden wie jene bekannten Niedlichkei-
des Grauens vermittelten, wenn sie ihrer überhaupt ten mit und ohne Glockentürmlein auf dem Dachfirst,
gedachten. Derlei Werturteile entspringen freilich Er hat sich aber auch keines Kompromisses schuldig
keineswegs Gefühlsregungen allein: es spielten zwei- gemacht. Die - ganz und gar absichtslos wirkende —
feilos unbefangen und selbstverständlich zugleich Formensprache des Schaaner Hauses beruht durch-
Nützlichkeitserwägungen mit. Wir hingegen sind be- aus auf sich selbst. Es will nichts anderes sein als ein
müht, des Ausdruckes jeder Landschaft uns bewußt Haus, behutsam und sicher eingefügt zwischen Berge
zu werden, rein ihrer selbst willen und ihrer jewei- und Ebene: und beiden gehört es an. fried.mayreder
ligen Eigenart. Wenn es auch Fanatiker des
Gebirges geben mag, die landschaftliche Be-
deutung nach dem am Meeresspiegel ange-
setzten Metermaß beurteilen: im ganzen stehen
wir allen Erscheinungsformen der Erdober-
fläche gleich unvoreingenommen gegenüber,
gleich bereit, einer jeden von ihnen in unserem
Tun gerecht zu werden.

Ist die Landschaft auch das Bleibende, ge-
gen das die von des Menschen Hand hinein-
gestellten Werke zuletzt doch unterliegen
müssen — einige Jahrzehnte zumindest dauern
die von Verständnislosigkeit dem Landschafts-
bilde geschlagenen Wunden doch. Wir alle
wissen es heute: jede Landschaft verpflichtet.

Der Schöpfer des Landhauses in Schaan legt erwin hinderer »einfahrt mit schmiedeeisernem tor«

1935. v. 1
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