Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INN EN-DEKORATION

»lehnsessel« birke mit rohrgeflecht - »stehlampe« blankes messing mit pergamentschirm

sich das Gesetz aus, daß die »Erfüllung«, wo sie im
Wirklichen gegeben ist, nicht in der Widerspiegelung
oder in der künstlichen Zurüstung gesucht zu werden
braucht. Man sieht dieses Gesetz in der Menschenwelt
erfüllt: Der Mann, der wirklich etwas ist, dekoriert
sich nicht; die Schönheit, wo sie in einem Menschen
erscheint, liebt Einfachheit des Auftretens; volles
Glück verzichtet leicht auf die nach außen gekehrte
Rede. Wohnungen von Völkern, die unter besonderen
Gnaden der Sonne leben, sind oft betont einfach.
Kurz, vielfach erscheint Schlichtheit in der Apparatur
gerade da, wo der eigentliche Wert real am dichte-
sten vorhanden ist. Und so ergibt sich auch, daß die
ausgesprochene Schlichtheit der neuzeitlichen Woh-

nung nur zu erklären ist daraus, daß der zugehörige
Mensch das Leben selbst lebt in einem Grade, der
erst durch die moderne Zivilisation möglich geworden
ist. Der Hausrat der neuzeitlichen Wohnung spricht
durch Dienst an, nicht durch einen abgeschlossenen
plastischen Eigenwert. Seine Einstellung ist arbeits-
teilig und unsentimental, weil das Ganze, worauf es
entscheidend ankommt, die Teilhabe am vollen Leben
der zugeordneten biologischen Gemeinschaft, für den
Menschen dieser Zeit ohnehin verwirklicht ist. Die
moderne Wohnung gewährt volles Behagen, aber ihre
Schlichtheit, ihre feine Stille ist nicht Armut, sondern
Liebesdienst an einem Geschlecht, das lebensvoll in
der Fühlung mit Natur und Welt steht. — h. r.
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