Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 5.1889-1890

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8 Kunstbrief aus England, von Herman kelferich— Modelle. Llovellenkranz. von Johannes Hroelß


Haus aufsuchen. Das ist eigentlich bei jedem Maler, um
ihm gerecht zu werden, das Erfordernis; aber nicht
allemal wird cs gleich so wichtig, so ertragreich, diese
Gerechtigkeit auszuüben, als bei ihm. Vor zwei Jahren,
es bildet eine der glücklichsten Erinnerungen für mich,

wieder erwacht ist, wahrlich in dem Buche wieder blättern
und mir das Bild jener entschwundenen Tage zurückrufen.
Alles, was mich an Schönheit gemahnt, liegt in dieser
Periode, die hehrsten Vorstellungen, deren ich fähig bin,
rühren von da, und ich erinnere mich, wie ich an jedem
Sonntag, dessen Nachmittag ich in Watts'
Galerie verweilend zubrachte, als ich endlich
das Haus verließ und die Welt und Sonne
noch einmal so schön mich draußen anblickte,
mir ein Cab nehmen mußte, einen dieser eng-
lischen Wagen, bei welchem man vorne und
der Kutscher hinten sitzt, nm, die frische Lust
ins Gesicht hinein, den raschen Husschlag des
Nasses, die sausende Bewegung genießend,
mich für eine Weile noch als einen Glücklichen
nnd Vornehmen zu fühlen. Tenn meine Woh-
nung war nahe und aus dem Wagen stieg
ich wieder bald, cs würde mir aber unmög-
lich erschienen sein, von den Werken Watts'
auf die Straße zu treten, zu Fuß zu gehen
und von der Gemeinheit des Lebens sofort
wieder mich nmbrandcn zu lassen.

Walpurgisnacht. von Lugen Klinckenberg
Erste Münchener )abres-Ausstellung ^889
ssholographieoerlag der sshorographijchen Union in München
war es mir vergönnt, ihn kennen zu lernen; in jetzt
verstaubten und verzettelten Tagebüchern habe ich damals
den Inhalt dessen, Ivas ich erlebte, niedergelegt. Kaum
weiß ich, ob ich es noch werde lesen können; doch möchte
ich jetzt, da der Gedanke an diesen großen Künstler durch
den Anblick eures Bildes von ihm in einer Ausstellung

MadiM
Vovellenkranz. von Johannes Proelß
V. Hermione*)
ras Schlagwort »klein air« war aus der
humoristischen Erzählung der liebens-
würdigen Polin gleich einem leichten Federball
in die nun folgende Unterhaltung hinüber-
gcspruugcn. Tie Meinungen schwirrten durch
einander: anfangs in der leichten neckenden
Weise, mit welcher Frau Pawlowska selbst
das heikle Thema angeschlagen und fest-
gehalten; doch allmählich wurde die Stimmung
gereizter, der Federball zum Erisapfcl.
Da setzte rechtzeitig Professor Schultz
dem Streit ein Ziel. „Dies eine, meine
Herren, müssen Sie zugcbcn", rief er da-
zwischen, „unsre heitere Freundin hat die so-
genannte naturalistische Richtung an ihrer
schwächsten Stelle getroffen; denn dies ist doch
wohl ihr Trieb, den subjektiven Geschmack
einzelner zum tyrannischen Gesetzgeber für die
ganze moderne Kunst zu machen. Wessen Geist
und wessen Auge so geartet ist, daß er ohne
inneren Zwang den Prinzipien des klein air
folgen kann, folgen muß, gut, der wird sich
— wenn er Talent hat — auch in der neuen
Richtung als echter Künstler bewähren. Wessen
Sinn aber von andren Idealen geleitet wird,
der gestalte die Wirklichitke diesen gemäß:
das Reich der Kunst ist weit und duldet
neben einander viele Glaubensbekenntnisse. Aber echt
muß der Glaube des Einzelnen sein. Das Recht der
Persönlichkeit entscheidet; weder der Zwang der Schul-
doklrin noch die Laune der Mode."

») IV. Siehe Jahrgang IV, Heft 23.
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