Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 5.1889-1890

Seite: 56
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Die Entscheidung über die Entwürfe zum Aaiser Wilhelm-Denkmal
von Georg voß

ie Preise sind verteilt. Große volle Lorbeerkränze
mit den langhinwallenden Farbenbändern des Deut-
schen Reiches bezeichnen die Namen der Sieger an den
preisgekrönten Entwürfen, und die Menge der Besucher
geht von einer architektonischen Zeichnung zur andern und
von einem Reitermodell zum andern, um zu erfahren,

was für eine Denkmalsanlage den Vertrauensmännern
des deutschen Reichstages bei der Prcisverleihung als das
Ideal eines Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm vor
Augen geschwebt hat. Denn wenn auch längst die Hoff-
nung geschwunden war, daß einer der jetzt ausgestellten
Entwürfe die Wünsche und Hoffnungen erfüllt hätte,
welche das deutsche Volk an die Errichtung eines Denk-
mals für den ersten Kaiser des neuen Reiches geknüpft
hat, so glaubte mau doch, es werde nunmehr aus dem
Urteil der berufenen Vertreter des Reichstages hervor-
gehen, welche Art einer Denkmalsanlage dem Wunsche
unsrer Volksvertretung entspräche.
Denn vor allem mußte es der Wunsch der Künstler
sein, Klarheit darüber zu gewinnen, ob die Nation das

Standbild des Kaisers in seiner strenghistorischen Er-
scheinung oder in einer nur mit den Symbolen der
deutschen Reichsgewalt geschmückten Jdealgestalt, ob zu
Pferde oder zu Fuß oder auf einem Throne sitzend, ob
in einer gewölbten Ehrenhalle oder auf freiem Platze
und vor allem, auf welchem Platze der Reichshauptstadt
der Nachwelt überliefert wolle. Erst nach-
dem alle diese Fragen entschieden wären,
glaubte man, in wirklich erfolgreicher Weise
die ganze Kraft der deutschen Kunst auf die
Verwirklichung eines einzigen großen Zieles
vereinigen zu können. Diese Hoffnung hat
uns betrogen.
Mit den Preisen ausgezeichnet sind die
verschiedenartigsten Standbilder in den ver-
schiedenartigsten Uniformen und symbolischen
Trachten, auf den verschiedensten Plätzen und
in der verschiedenartigsten architektonischen
Umgebung, zum teil unter freiem Himmel,
aufgestellt im Anblick des großen Getriebes
der Reichshauptstadt, zum teil in der be-
schaulichen Stille des Tiergartens und zum
teil ganz dem Geräusch der Stadt entrückt
in einer hohen, stillen Grabeskuppel. Die
Künstlerschaft tappt daher noch immer im
Dunkeln, auf welches Ziel hin sie bei dem
nächstfolgenden Wettbewerb ihre Kräfte zu
richten hat.
Den weitesten Spielraum für die Be-
antwortung aller dieser Fragen läßt die Ver-
leihung des ersten Preises frei. In den
beiden mit dem ersten Preise ausgezeichneten
Entwürfen befindet sich nicht eimnal das,
was doch bei dem Denkmal für einen dahin-
geschiedenen Kaiser die Hauptsache sein sollte,
ein Modell für das Standbild des Kaisers.
In beiden Entwürfen sind lediglich große
architektonische Anlagen preisgekrönt, welche
die Umgebung für das geforderte Standbild
schaffen sollen.
Die Zeichnung der Architekten Rettig
und Pfann plant an die Stelle des jetzigen
Krollschen Theaters einen hohen Kuppelbau,
der in seinem Innern das Reiterstandbild
aufnehmen soll. Der Kuppelbau, welcher in
der Höhe eines großen Kirchenraumes gedacht ist, ist
durch Säulenhallen mit dem neuen Reichstagsgebäude
verbunden, so daß die ganze Anlage ein Prachtforum
allergrößten Maßstabes umschließt, dessen Mittelpunkt die
zur Erinnerung an die letzten drei Feldzüge errichtete
Siegessäule bildet. Die geplanten Säulenhallen würden
den jetzt maßlos großen Königsplatz wesentlich einschränken,
was im Interesse dieser häßlichen und ursprünglich nach
den Bedürfnissen eines Exerzierplatzes abgegrenztcn An-
lage sicher recht zu wünschen wäre. Der neugeplante
Kuppelbau ist in seiner prunkvollen Renaissance-Architektur
ganz dem neuen Rcichstagsgebäude verwandt, so daß er
sich wie eine Arbeit des Architekten desselben Bauwerkes
ausnimmt. Ein einheitlicher ästhetischer Gesamteindruck



Nach dem Nmk. von Eduard Selzam
Erste Münchener )ahres-Ausstellnng 1889
Photographieverlag der Photographischen Union in München
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