Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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DEUTSCHE KUNSTZUSTÄNDE

Von Hans Rosenhagen

I

n aller Stille hat sich während der letzten versagt. Die Kunstgenossenschaft ist direkt
Wochen im preußischen Kultusministerium oder durch eine Mittelsperson, deren Name
ein Drama abgespielt, dessen leidende Person leicht zu erraten ist, an den Kaiser gegangen,
nach außen hin ein fortschrittlich gesinnter, Man darf vermuten, daß diesem die Sache
überaus einsichtsvoller Geheimrat, in Wirk- so dargestellt worden ist, als werde beabsichtigt,
lichkeit aber die deutsche Kunst ist. Die in St. Louis eine deutsche Sezessionsausstel-
Hoffnung, daß es dieser vergönnt sein würde, lung zu etablieren. Dieser Hinweis hat offen-
die in Paris erlittene Niederlage durch eine bar seine Wirkung getan; denn wenn der
imposante und gewählte Vertretung in St. Louis Kaiser das schriftliche oder mündliche Im-
wieder wettzumachen und nebenbei vielleicht mediatgesuch der Kunstgenossenschaft auch
den verloren gegangenen amerikanischen keiner persönlichen Antwort gewürdigt hat,
Kunstmarkt zurückzuerobern, ist so radikal sondern dem Kultusministerium die Unter-
zerstört worden, wie es ihre Gegner nur suchungderAngelegenheitüberließ,so scheinen
wünschen können. doch so bestimmte Weisungen an den Minister

Man erinnert sich, daß am 4. April d. J. ergangen zu sein, daß dieser nicht den Mut
im Reichstagsgebäude unter Vorsitz des Reichs- fand, die Sache der deutschen Kunst zu ver-
kommissars für die Weltausstellung in St. treten und sie in St. Louis ihrem Schicksal,
Louis ein aus deutschen Künstlern, Galerie- was sagen will, der deutschen Kunstgenossen-
direktoren und Kunsthändlern gebildetes Ko- schaff überlassen hat.

mitee zusammentrat, das die Aufgabe über- Ob der Enscheidung des preußischen Kultus-
nehmen wollte,aussichherauseineKommission ministers eine neue Verständigung mit den
von berufenen Männern zu wählen, der es Bundesregierungen vorangegangen, scheint
obliegen sollte, die Werke zusammenzustellen, ziemlich zweifelhaft. Anstatt den Kaiser über
welche die deutsche Kunst im nächsten Jahre die Situation aufzuklären und die Partei der
in Amerika zu vertreten geeignet wären. Bei durch allerlei unsachliche Willensäußerungen
allen Einsichtigen stand fest, daß auf diese schon genügend gedrückten deutschen Kunst
Weise am sichersten alle die Fehler vermieden zu nehmen, suchte der Minister eine persön-
werden könnten, die das debacle in Paris liehe Verantwortlichkeit dadurch von sich ab-
herbeigeführt, diese Fehler, die
darin bestanden hatten, daß alle
möglichen großen und kleinen In-
teressen höher gestellt worden
waren als die Ehre der deutschen
Kunst, und daß man den Zufall
nicht völlig ausgeschaltet. Die da-
malige Versammlung gab sich
keinen Illusionen darüber hin, daß
die allgemeine deutsche Kunstge-
nossenschaft ihr Recht auf Insce-
nierung einer deutschen Ausstel-
lung in St. Louis ohne weiteres
hergeben würde. Man konnte
aber den zu erwartenden Protesten
und Angriffen um so ruhiger ent-
gegensehen, als vor Berufung jener
Versammlung'eine Verständigung
zwischen den Kultusministerien
der verschiedenen Bundesregie-
rungen darüber stattgefunden hatte,
der deutschen Kunstgenossenschaft
das zuletzt mit so wenig Rücksicht
auf das Vaterland ausgeübte Recht
in diesem Falle zu entziehen. Lei-
der hat jene Vorsichtsmaßregel karl moll wintersonne

Die Kunst ftir Alle XIX.

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