Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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leuchten. Sie setzen eine Eitelkeit auch bei
uns voraus und nun kommt die Boden-
losigkeit zur Erscheinung. Die notwendige
Folge davon ist die so gewöhnliche Verach-
tung, die Künstler gegen das Publikum oft
unpolitischer Weise zur Schau tragen; letzteres
ist unnötig, aber ersteres ist ein Fazit, was
nicht ausbleiben kann.

*

München, (den 25. Sept. 1858).
Ein Dürer, Adam Kraft und Veit Stoß
waren Blüten, die die Zeit, in der sie lebten,
zur schönsten Entfaltung bringen mußte. Sie
standen als die Herrlichsten in einem prangen-
den Garten. Der Ausdruck ihrer ganzen
Kunst, ist wahrhafte Ehrlichkeit und denk-
barster Ernst. Einen Zug nach Gefallsucht
habe ich nirgends entdecken können und
darin liegt es offenbar, daß sie unserem
Zeitalter durchschnittlich auch in Wahrheit
nicht gefällt. Respekt muß aber jeder füh-
lende und tief denkende Mensch bei Be-
trachtung jener Werke empfinden, ja, sie be-
herrschen ihn in einer Weise, die oft beben
macht.

St

Weimar, (ohne Datum), 1859.

.....Die Kunst, ich meine die echte,

ist kein Modeartikel und darf somit auch
nicht an die Zeit denken und ihr fröhnen,
in welcher sie schafft. Das Hohe und Reine
wird in jeder Zeit, und sei sie im allgemeinen
noch so verderbt, doch einzelne haben, die
durch den Kot auf höheren Standpunkt ge-
langen und das Echte wenigstens ahnen.
Ich verzichte für alle Zeit auf den gespickten
Säckel und will nach Besserem ringen, solange
mir Kräfte dafür bleiben. Herrlich strahlend
stehen alle, die es vermochten, ihre Zeit
und deren Forderungen von sich zu stoßen,
denn die Zeit fröhnt niederen Leidenschaften
in den Künsten.

.....Wahrheit und Schönheit können

nicht vergehen, so lange das Menschenge-
schlecht auf diesem Erdball wandelt. Unsere
Aufgabe ist jetzt, um wahr bleiben und sein
zu können, daß wir deutsch bleiben und uns
nicht an das kehren, was uns von außen glän-
zendes entgegentritt. Deutschland hat Kräfte
wie keine andere Nation und wer sehen will
und Beruf zur Kunst hat, hat es auch gesehen.
Aller fremde Einfluß hat die einzelnen ge-
schwächt und ihre Produkte stehen ohne
Schärfe abgerundet und geleckt als Mode-
kram uns vor Augen. Fluch den Belgiern
und Franzosen und allen, die zu dieser Fahne
schwören!

AUS DEN BERLINER

KUNSTSALONS

Tn Ed. Schuttes Kunstsalon debütiert der Frank-

* furt-Cronberger Künstlerbund mit einer Ausstel-
lung seiner Mitglieder, die ihn für immer der Mühe
entheben dürfte, noch einmal eine Kollektion für
Berlin zusammenzustellen. Man sieht mit Ver-
gnügen eine Braun in Braun-Zeichnung von Wilh.
Altheim, dem begabten Nachfolger Jakob Beckers,
ein Bauer mit Pferden auf dem Acker, und ein
kleines Stilleben von Ottilie Roederstein —
Goldlack in einer grünlichen Kugelvase gegen einen
gelbgrauen Hintergrund — ohne die an ihr ge-
wohnten altmeisterlichen Allüren; kann auch noch
einen mit dem saftigen Grün Trübners gemalten

• Hohlweg« von Jakob Happ anerkennen; aber

was rud. gudden, rob. hoffm ann, heinr.

Werner und Paul Klimsch an Bildern vorzu-
weisen haben, ist so mittelmäßig oder direkt schlecht,
daß man nicht auf diesen Künstlerbund zu warten
braucht, um Aehnliches zu sehen. Auch Ludwig
Dettmann enttäuscht. Was er hier in drei großen
Bildern von der Liebe berichtet, die in der »Früh-
lingsnacht« unter dem blühenden Kastanienbaum,
am leise rauschenden Fluß erwacht, an einem
schwülen Sommerabend bei aufsteigendem Mond
im wogenden »Kornfeld« genießt und im Herbst
bei »sinkender Sonne« an der Steinmauer eines Kirch-
hofs ans Abschiednehmen denkt, ist weder neu, noch
tief und erhöht den Stimmungsinhalt seiner Lei-
stungen als Landschafter nur in den Augen jener
Leute, die eine Erzählung im Bilde brauchen, um
einen Kunstgenuß zu haben. Diese Landschaften
und eine vierte mit symbolischer Staffage »Wenn
der Wind über die Stoppeln geht....« sind flott
heruntergestrichen, aber malerisch erschreckend leer.
Das ist um so bedauerlicher, als Dettmann vor zwei
Jahren Arbeiten herausbrachte, die an eine Entwick-
lung nach der koloristischen Seite glauben ließen. Diese
neuen Bilder haben die graudunstige Farbengebung,
die der Künstler vor zehn Jahren bevorzugte. Was
sie leer erscheinen läßt, ist zum Teil die Absicht
auf einen ornamentalen Stil, der in der Art, wie er
auftritt, nicht notwendig, sondern nur gewaltsam
wirkt. Friedrich Fehr hat in den letzten Jahren
eine scharfe Schwenkung zu den Prinzipien der
Dachauer gemacht, entschieden züm Vorteil seiner
Kunst. Der Verlust an Eleganz, den diese vielleicht
erlitten hat, wird vollkommen ausgeglichen durch
Noblesse des Tones und schöne Fleckenwirkung
seiner Bilder. Wie er Damen in Weiß, ein Kind
in Grün oder Mädchen in hellen Kleidern neben
fabelhafte Distelsträuche, in graugrüne Aloosland-
schaften oder gegen hlaues Wasser stellt, das wirkt
oft entzückend fein und jedenfalls viel besser als
wenn er eine elegante Schöne in Graugrün in einem
Innenraum vorführt, in dem eine imaginäre Sonne
funkelnde Reflexe über gar zu dunkle Gegenständ-
lichkeiten streut. Zuweilen ist Fehr nicht sicher
in den Valeurs. Des öfteren drängt sich eine Farbe
auf seinen Bildern nach vorn, die im Hintergrunde
wirken soll. Unter solchem Mangel leidet auch sein
großes Bild von der vorjährigen Sezessionsaus-
stellung, »Die Alte«, die mit ihren drei weißen
Seidenspitzen auf ein altertümliches Haus zuschreitet.
Die blinkenden Fenster des Hauses sind viel zu
weit vorn im Bilde. Aber wie wundervoll stehen
die Lorbeerbäume gegen die Hauswand! Neben
diesem Werke verdienen wohl die Bilder »Flußufer ,
»Am Feldrand«, »Kind im Feld« am meisten An-
erkennung. Der Belgier Alfred Hazledine ist

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