Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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DIE DEUTSCHE KUNSTAUSSTELLUNG IN BREMEN

von Gustav Pauli

Ceit einigen Jahren nimmt das alte liebe Bremen gern gewährt werden, weil die Hauptsachen wohl
^ an der deutschen Kunstbewegung einen wachsen- geraten waren. Die Beleuchtung ist, wie in den
den Anteil. Keinem Fürsten, auch keinem erleuch- übrigen Räumen, so auch in den neueröffneten Ober-
teten Ministerium ist das zu verdanken, sondern lichtsälen und Seitenlichtkabinetten ausgezeichnet
lediglich einem Kreise reicher Privatpersonen, die und die meisten Gemälde, Skulpturen und Drucke
opferwillig eine der edelsten Kulturaufgaben über- der Ausstellung waren so beschaffen, daß sie das
nommen haben, deren Pflege die Kräfte der Regie- Licht, und zwar ein gutes Licht, nicht zu scheuen
rung des kleinen Freistaates übersteigt. Sie haben brauchten.

es ermöglicht, daß der ehrwürdige Dom prächtig Wer in einer Stadt wie Bremen eine gute Aus-

vollendet wurde, daß in der Kunsthalle ein vor- Stellung zusammenbringen will, hatgrößere Schwierig-
nebmes Museums-und Ausstellungsgebäude erstand keiten zu überwinden als die Ausstellungsleiter in
und daß Bremen einige Denkmäler bekommen hat, den großen Kunstzentren, denen manche Perlen
die zu den besten Werken deutscher Plastik zählen. mühelos in den Schoß fallen, die dort alle erkämpft
Noch ehe der Bau der Kunsthalle ganz vollendet oder erbettelt werden müssen. Auch ist der Gesamt-
war, öffnete er in diesem Februar wieder seine Charakter einer Ausstellung hier wie dort natur-
Pforten einer Kunstausstellung, die immerhin zu gemäß ein anderer. In München, Dresden und Berlin
bedeutsam war, um in den Spalten dieser Zeitschrift gibt es Künstlergruppen von herrschender Bedeutung,
mit Stillschweigen übergangen zu werden. Die die den Ausstellungen ein einheitliches Gepräge von
provisorische Einrichtung einiger Ausstellungsräume bestimmter lokaler Färbung verleihen. Man kommt,
erforderte freilich Nachsicht; doch diese konnte um die neuesten Leistungen zu mustern und zu

vergleichen. So wird die Ausstellung zum un-
blutigen Schlachtfeld, auf dem der Sieger
für die nächste Zeit das Schicksal der deut-
schen Kunst entscheiden kann. Von einer
Ausstellung in Bremen ist dergleichen nicht
zu erwarten. Es fehlt in der Stadt an einer
überragenden Künstlerpersönlichkeit, dafür
aber fehlt auch jener große Haufe der Auch-
künstler, der zu etwelchen Genossenschaften
organisiert, jeder tüchtigen Unternehmung
unter Anrufung aller christlichen Kardinal-
tugenden die Bleigewichte der Mittelmäßigkeit
anhängt. Und dieser Mangel ist ein nicht zu
unterschätzender Vorzug. Unsere maßgeben-
den Künstler haben alle Ursache, die künst-
lerischen Ereignisse in einer Stadt wie Bremen
mit Aufmerksamkeit zu verfolgen. Nachdem
sie die Hauptstädte erstürmt haben, bleibt
ihnen noch die Provinz zu erobern ; und dieses
kann — wenn die Provinz wohlhabend ist —
die Mühe lohnen.

Nach diesen Bemerkungen allgemeinen
Charakters kann ich mich über die Aus-
stellung selbst kurz fassen. In einem Kreise
von anerkannten Meistern Zensuren auszu-
teilen, scheint mir unangemessen zu sein.
Ueberdies waren nicht wenige der ausge-
stellten Werke von größeren Ausstellungen
her bekannt und in den verschiedenen Preß-
organen genugsam erörtert — so z. B. Uhde's
Kollektion, deren größte Bestandteile das Bild-
nis Wohlmuths und die »Seepredigt«, und die
feinsten zwei wundervolle Bilder aus dem Be-
sitz des Geheimrats v. Seidlitz in Dresden
waren — die Uhdeschen Töchter und >Mor-
gen«. Auch die vortreffliche Sammlung der
Hauptwerke von Louis Corinth, Sle-
vogt's >Dragoner<, einige vorzügliche TrCb-
ner's, Ludwig v. Hofmann's >Sündenfallc
so gut wie Fritz Aug. v. Kaulbach's Bild-
nisse seines Vaters und der Großherzogin
von Hessen darf ich aus demselben Grunde
hier übergehen.

Von den einheimischen Worpsweder Mei-
richard winternitz Interieurskizze stern war Overbeck mit drei Landschaften

Frühjahr-Ausstellung der Münchener Sezession von tiefer starker Farbenwirkung vertreten.

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