Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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WÖRTH UND DIE ZÜGELSCHULE ,mit 12 Abbildungen»

Von Dr. R. Gönner

Sind wir unweit Karlsruhe auf schwankender
Schiffbrücke über den Rhein gefahren,
bringt uns der Zug, dem ein fauchendes,
rasselndes Miniaturlokomotivchen aus der
guten alten Zeit vorgespannt ist — man wagt
nicht, der Brücke die Last einer großen
Maschine zuzumuten — nach kurzer Fahrt
an unser Ziel, Wörth, den Ort, der durch
die Wirksamkeit und Lehrtätigkeit Professor
Heinrich Zügel's schon längst in Maler-
kreisen einen vortrefflichen Klang erhalten hat.

Um einem weitverbreiteten Irrtum vorzu-
beugen, sei gleich hier bemerkt, daß es sich
nicht um das „Schlachtenwörth" an der Sauer,
sondern um Wörth am Rhein in der Pfalz
handelt.

Die Nähe des Stromes hat das landschaft-
liche Bild überraschend schnell geändert. Vor
kurzer Zeit noch harte, klare Luft, hier der
für Wörth und seine Umgebung mit ihren
Sümpfen und Altwassern so typische Dunst,
der sich malerisch auf die Gegenstände legt,
der die Formen zusammenzieht und die Grup-
pen größer, massiger erscheinen läßt. Luft
und Licht, das Alpha und Omega der Kunst,
die in Zügel einen so glänzenden Vertreter
gefunden hat, hier streut sie die Natur ver-
schwenderisch aus. Ein sonniger Tag, ein
Sonnenuntergang bringt eine märchenhafte
Farbenpracht hervor. Staunend steht der Be-
schauer vor dem Brillantfeuerwerk von Lich-
tern und Brechungen, staunend und verzweifelt
ob der Unzulänglichkeit seiner Palette. Wenn
am frühen Morgen oder abends der leichte
Nebel aus den weitverbreiteten Wassern auf-
steigt, die Tiefen auflöst und die harten

Lichter dämpft, so steht diese Landschaft
der holländischen an intimem Stimmungsreiz
in keiner Weise nach.

Am Bahnhof liegen große Kisten, Keil-
rahmen, Staffeleien, Koffer, Fahrräder, sie
sind also schon da, die regelmäßig wie die
Schwalben in jedem Sommer wiederkehren
zu erneuter Arbeit, zu neuen Erfolgen und
zu neuen — Enttäuschungen, die begeisterten
Schüler eines verehrten Lehrers.

Das Dorf liegt etwa zehn Minuten vom
Bahnhof entfernt. Nach elsässischer Art sind
die weißgetünchten Fachwerkhäuser mit dem
steilen Dach und dem charakteristischen ab-
geschrägten Giebel meist im Quadrat erbaut,
so daß der Hofraum von Wohnhaus, Stallung
und Scheune eingeschlossen ist. Durch ein
mächtiges Tor von der offenen Straße ge-
trennt, bildet er den auch äußerlich doku-
mentierten Besitz des Bauern. Eigentümlich
sind die an gebogenen Eisenstangen oder
quer über die Hofeinfahrt gelegten Balken
emporgezogenen Weinlauben, die dem Gebäude
etwas Heiteres, Wohnliches geben und daran
erinnern, daß wir uns nicht weit von der
weingesegneten Hardt befinden. Die glück-
licherweise noch ohne Bebauungsplan, ohne
Richtschnur und Lineal gebaute Dorfstraße
bietet mit ihren vorspringenden oder quer
gestellten Häusern und Höfen, Dächern und
Giebeln einen äußerst reizvollen Anblick, der
leider durch einige „moderne", mit abscheu-
lichen Glanzziegeln gedeckte Bauten stellen-
weise empfindlich gestört wird.

Die Bevölkerung ist trotz ihrer Intelligenz
größtenteils arm und leider hat auch hier die

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