Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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NEUERWERBUNGEN DER KONIGL. NATIONAL-GALERIE ZU BERLIN

NEUERWERBUNGEN DER KÖNIGL.
NATION AL-GALERIE ZU BERLIN

In dem Augenblicke, in dem in Berlin das traurige
* Gerücht diskutiert wird, daß Hugo v. Tschudi
unter dem Drucke beklagenswerter Zustände und will-
kürlicher Maßnahmen die Leitung der von ihm zu
einer der schönsten Kunstsammlungen der Welt ge-
machten National-Galerie niederzulegen gedenkt, um
den durch Lippmanns Tod verwaisten Direktorposten
des Berliner Kupferstichkabinetts zu übernehmen,
zeigen einige im zweiten Cornelius-Saale der Galerie
ausgestellte wert voll eNeuer Werbungen wiederum, wie,
mit weichem Aufgebot von persönlichen Bemühungen,
er bestrebt ist, sein Institut weiter auf die Höhe zu brin-
gen. Denn sicher hat man es nurden persönlichen Be-
ziehungen und AnstrengungenTschudiszu danken, daß
zwei wunderbare Goyas und ein köstliches Porträt von
Böcklins Hand der National-Galerie geschenkt wurden.
Die beiden Goyas gehören zu den vorzüglichsten
ihrer Art. Die von Friedrich Krupp in Essen geschenkte
>Cucaria< stellt eine jener Volksbelustigungen dar, in
deren Wiedergabe Goya unermüdlich war. Auf einem
außerhalb einer Stadt, unter dem Schutze eines auf
einem Hügel gebetteten Schlosses mit weißen Mauern
gelegenem Platz, von dem aus man auf einen fernen
Brückenbogen blickt, hat sich unzähliges Volk ver-
sammelt, um den Kletterübungen der Jungen am Mai-
baum (La Cucafia) zuzuschauen, die den an dessen
Spitze befestigten Bretzeln und Würsten gelten. Die
Schilderung der im Vordergrunde stehenden Männer
und Frauen aus dem Volke und der weiter hinten
gelagerten Gruppen von Zuschauern ist ein Meister-
stück der impressionistischen Malerei. Nur hier und
da leuchtet hell eine weiße Mantilla, ein gelbseidenes
oder rotes Kleid, eine scharlachfarbene Jacke, ein
Maultiersattel oder ein Pferderücken auf, im wesent-
lichen wirken dunkle Silhouetten oder Lichter auf
Gesichtern und Gewändern. Aber welche Fülle von
Erscheinungen und Bewegungen wird auf diese Weise
herausgebracht! Nur die sicherste Beobachtung und
das ausgereifteste Können vermögen solchen Eindruck
des Wirklichen zu erreichen. Alles ist Leben. Auf
dem Schlosse liegt das stärkste Licht, obgleich das
Bild als Ganzes ziemlich dunkel, auf die Farben
Blau und Grün gestellt ist. Man denke an die Nach-
mittagszeit eines heißen Tages. Das Bild ist recht
pastos, vielfach rein mit dem Spachtel gemalt. Kaum
weniger bedeutsam erscheint das von Dr. v. Bissing in
München geschenkte »Stiergefecht«. Im Hintergrunde
die von einer bunten Volksmenge besetzten Tribünen.
Inmitten der Arena Gruppen von aufgeregten, mantel-
schwingenden Bandarilleros, die teils auf einen von
seinem zusammenbrechenden blutenden Pferd herab-
voltigierenden Espada blicken, teils auf die Gruppe
im Vordergrunde achten, wo ein weiß- und schwarz-
gefleckter Stier, dem der Matador auf den Nacken ge-
sprungen ist, um ihm den Todesstoß zugeben, sich ge-
gen einen mit seiner Lanze zustechenden vorbeispren-
genden EspadainroterKIeidungwendet. Das fabelhaf-
teste von Bewegung, was man sich denken kann. Das
ganze Bild lebt. Alles Feuer des Südens, alle Aufregung
des Augenblicks, aller Lärm, alle Spannung ist darin.
Wie leicht das schwarze Pferd des angreifenden Es-
pada über den Blutlachen zeigenden gelben Sand-
boden der Arena sprengt, wie rasend sich der Stier
gebärdet, und wie gut beobachtet das Zusammensinken
des Schimmels ist! Man muß des gesehen haben,
um Goyas Bedeutung zu begreifen. Und diese Volks-
menge, in der man niemand erkennt! Alan malt heut
heller, aber selbst Manet hat diese Sicherheit in der
Feststellung der Valeurs kaum übertreffen können.

Das dritte Geschenk rührt von Josef Kopf, dem ver-
storbenen Bildhauer, her und ist des Stifters Bildnis
von BöCklin. Der jugendliche blonde Kopf des einen
Knebelbart tragenden Künstlers steht im scharfen
Profil gegen eine zart lichtblaue Wand. Ein Stück-
chen gelblicher Kittel, ein weißer Stehkragen und eine
lichtgraue Krawatte geben die übrigen Noten des
Bildes. Dieses erinnert nicht nur in der Profilstellung,
sondern auch in der überraschend hellen Farbe an
die Porträts der Florentiner Quattrocentisten und ist
sicher eins der lebendigsten und vorzüglichsten Bild-
nisse Böcklins. Ein zu weit nach hinten gesetztes Ohr
stört kaum. Ein zweiter Böcklin > Kentaur und Nymphe«
ist ein schönes Stückaus dererstenrömischen Zeitdes
Meisters, für die es in der Galerie bisherkeine Vertre-
tung gab. Von Karl Haider ist ein ausgezeichnetes
kleineres Bild, eine Schilderung Schliersees unter
bewölktem Himmel, angekauft worden, das die Eigen-
art dieses deutschen Künstlers gut repräsentiert.
Dagegen hätte vielleicht eine bessere Arbeit von
Heinrich Zügel erworben werden können als die
»Rinder auf sonniger Weide« von 1897 mit der
unter den Schatten eines Baumes geflüchteten braun-
gefleckten Kuh. Die Tiere haben entschieden etwas
Transparentes. Ganz hervorragend sind die Er-
werbungen für die Skulpturen-Abteilung. Ein Glanz-
stück bildet der alte Gipsabguß einer verschollenen
Büste der Königin Luise, eine der schönsten Arbeiten
Schadow's und vielleicht das lieblichste Porträt
der unglücklichen Königin. Brütt's »Diana«, die
den Gürtel gelöst hat, aus der letzten Großen Ber-
liner Kunstausstellung, wird der Galerie zu be-
sonderer Zierde gereichen. An der bronzenen
Frauenbüste von E. M. Geyger ist der Sandstein-
Sockel mit dem stilisierten Eichenkronen-Kapitell
vielleicht das interessanteste, obwohl die Nische mit
dem marmornen Aschenkrüglein darin etwas Klein-
liches hat. Sehr erfreulich ist die Bereicherung der
Handzeichnungs-Sammlung durch Neuerwerbungen.
Eine der schönsten Sachen, die man sehen kann,
der Kopf einer jungen, dunkeläugigen Frau von
J. G. Schadow. Was war dieser Berliner Akademie-
direktor für ein großer Künstler! Diese Einfachheit,
dieses Gefühl in der Linie! Man kann nur be-
wundern und muß staunen, daß aus diesem Meister in
Berlin so wenig gemacht wird. Kostbar sind auch
die drei Zeichnungen Feuerbach's, eine Studie zur
Iphigenie oder Medea, die schöne Schusterin Nanna
im griechischen Gewände darstellend, wie sie dieses
über der linken Schulter zusammensteckt; eine Kom-
positionsskizze für die Amazonenschlacht und die
Einzelstudie einer Amazone in Reitstellung, mit
eingelegter Lanze. Peter v. Cornelius ist durch
zwei Federzeichnungen zu seinen Faust-Illustrationen
— Faust und Mephisto am Rabenstein und Gretchen,
vor der Madonna betend, — vertreten, Schwind
durch eine köstlich phantastische Umrahmung mit
tanzenden und musizierenden Zwergen und Joseph
Anton Koch durch drei Landschaftszeichnungen,
von denen eine große mit römischen Motiven be-
sonders eindrucksvoll ist. Zur Komplettierung der
reichen menzel-Sammlung sind zwei in Gouache
ausgeführte Bildnisse erworben worden, die in
Durchbildung von Einzelheiten das Aeußerste bieten.
Das eine stellt einen Stabsarzt Dr. Puhlmann dar,
einen behaglich dasitzenden, weißhaarigen, bartlosen,
freundlich blickenden alten Herrn, die Zigarre in
der Hand, in aufgeknöpfter Uniform, das andere
einen Major von Leuthold, der nachdenklich in
seinen Uniformmantel gehüllt steht. Menzels große
Kunst hat sich in diesen 1850 datierten Porträts so
sehr in Einzelheiten, in Härchen und Hautfalten
verloren, daß man fast von Kunststücken sprechen

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