Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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-^ö> AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS <ö^=v-

zwar eine angenehme bereitet in dieser Ausstellung
mit zwei Bildern Eugen Bracht. Diese Bilder
haben nicht mehr die forciert interessante Haltung
und Farbengebung seiner letzten Arbeiten Der
Künstler ist ruhiger und natürlicher geworden, so-
wohl in der Komposition wie in der Farbe. Sein
>Matterhorn im Neuschnee« mit der durchsichtig
klaren Luft, imponiert sowohl als Auffassung des
Gebirges wie auch als vorurteilslose kräftige Malerei;
sein »Abend« mit den beiden ruhig großen Baum-
gruppen im Vorder- und Mittelgrund und den weiden-
den Kühen gemahnt im besten Sinne halb an Claude
Lorrain, halb an Cuyp, womit gesagt werden soll,
daß diese Schöpfung edel in der Linie und köstlich
in der goldenen Schönheit des Tons ist. Der Wiener
Ernst Stöhr, der zwischen Schotten, Schweden
und Liebermann unsicher hin und her versucht, der
Berliner Max Tilke, der mit seinen Bildern von
Bornholm und aus der Bretagne ebenfalls an allerlei
französische und deutsche Künstler erinnert, ge-
hören zu den Mittelmäßigkeiten, und auch Adolf
Heller, der sehr oberflächliche Porträts ausstellt,
ist nicht mehr als eine solche. Eduard von Geb-
hardt läßt eine neue »Bergpredigt« sehen, in der
der Künstler freilich die großartige Idee lange
nicht so gut verkörpert hat, wie in dem früheren
Bilde. Die >Künstlervereinigung für Original-
Lithographie <, die mit so viel Glück vor einem
Jahre etwa im Künstlerhause debütierte, bringt in
dieser ihrer zweiten Ausstellung einige vierzig neue
Blätter. Das künstlerische Ergebnis ist etwas ge-
ringer als beim ersten Versuch. Immerhin gibt
es ein paar Lithographien, die weit über das Mittel-
maß hinausragen. Dazu gehört in erster Reihe
Kayser-Eichberg's »Tauwetter«, eine überaus
tonschöne, mit wirklichem Naturgefühl und großem
Geschmack hergestellte Arbeit, in der die Farben
Weiß, Blau, Gelb vorherrschen. Sodann wäre ein
farbenreiches, kräftig behandeltes und geschmack-
volles Interieur von A. v. Brandis »Großmutters
Heim« hervorzuheben. Bemerkenswert in Kom-
position und Farbe ist ein »Herbstmorgen« von
Franz Türcke, gut beobachtet »Die Helden« —zwei
weiße Kaninchen, die mit bedenklichen Augen eine
über ihren Futternapf kriechende Schnecke be-
trachten — von Ludwig Stuz. Sonst gibt es viel
Durchschnittliches und Konventionelles, in einem
Falle sogar etwas direkt Schlechtes.

In Caspers Kunstsalon in der Behrenstraße gibt
es, wie immer, mehr Bilder für Amateure als für
das eigentliche Ausstellungspublikum. Ein schöner
Jules Dupre — See mit Fischerbooten, darüber
eine wundervolle, bewegte graue Luft—, ein Strand
mit Fischerbooten von Isabey, 1861 datiert, eine
prächtige kleine, sehr pastos gemalte Landschaft
von Felicien Rops, eine lichtvolle Waldwiese von
Pissarro und eine köstliche holländische Dorf-
straße von Liebermann, 1873 gemalt, dabei hell
und farbig, bilden mit einem entzückenden Aqua-
rell von Mauve den Kern der Vorführung. Da-
neben erscheinen dann noch kleine Kollektionen
von dem in seiner Schlichtheit so vornehmen
holländischen Bauernmaler C. W. Bartlett und
dem belgischen Landschafter Gilsoul, die Be-
achtung verdienen.

In der Amelangschen Kunsthandlung gibt es eine
Kollektiv-Ausstellung des Berliner Bildhauers Franz
Flaum. Von seinen literarischen Freunden, deren
fünf ihm einen Band Essays gewidmet haben, wird
Flaum als eine erlösende Erscheinung, als Zukunfts-
größe gefeiert. Sie analysieren seinen »tiefen se-
xuellen Pessimismus«, »seine großen Sehnsuchts-
gefühle nach der Reinheit und Schönheit des Ge-

schlechts«, sein Pathos. Er ist ihnen »der Künstler
der elementaren Ereignisse moderner Psychen, die
er ins Typisch-Abstrakte erhebt«; ein »Künder un-
serer Sehnsuchten und Schmerzen«, kurz eine
außerordentliche Persönlichkeit. In Wirklichkeit ist
er ein Nachahmer Rodins. Er verhält sich zu diesem
wie etwa Karl Max Rebel zu Böcklin. Sein Können
steht in keinem Verhältnis zu seinem großen Wollen,
und nicht selten haben seine Plastiken eine ver-
zweifelte Aehnlichkeit mit jenen Fabrikaten, die
unter der Marke »Sezession« in den Handel ge-
bracht werden, weil irgendwo ein maßlos verrenktes
Weibsbild angebracht ist. Flaum bevorzugt nicht
nur die ■ Block-Technik« Rodins, sondern auch
dessen Motive. Man rindet hier einen »Kampf der
Geschlechter«, einen dieSchöpfung symbolisierenden
»Kuß«, »Visionen- und phantastische Gestaltungen,
wie »Frühlingsrausch«, »Der Morgen« oder sDer
Vampyr«. Talent ist unbestreitbar vorhanden, hier
und da erscheint eine Form tatsächlich gefühlt, eine
Lichtwirkung mit Feinheit erreicht; aber die Emp-
findung für Verhältnisse, für den Organismus der
menschlichen Gestalt ist sehr mangelhaft ausgebildet,
und anstatt an Rodin denkt man nicht selten an die
süßlichen Plattheiten von Carrier-Belleuse und an
schlechte moderne Porzellanflguren. Die »seelischen
Momente«, von denen Flaums Freunde so begeistert
sind, haben nur dann einen Wert, wenn sie in Ver-
bindung mit einer hervorragenden, auf Können und
Wissen beruhenden und von starkem Gefühl ge-
leiteten Gestaltungskraft erscheinen. So lange der
Künstler über diese nicht verfügt, liegt keine Ver-
anlassung vor, ihn für eine bedeutende Erscheinung
zu halten. Hans Rosenhagen

PERSONAL- UND

ATELIER-NACHRICHTEN

MÜNCHEN. Der Operation, der Professor Franz
von Lenbach sich kürzlich unterzog, folgte
wohl eine Erleichterung im Befinden des Patienten,
doch ist sein Zustand nach wie vor besorgnis-
erregend.

DERLIN. Der Präsident der Kgl. Akademie der
Künste, Geh. Regierungsrat Professor Dr. Her-
mann Ende, feierte seinen fünfundsiebzigsten Ge-
burtstag. Er hat mit Rücksicht auf sein Älter sein
Abschiedsgesuch eingereicht.

/^ESTORBEN: In Paris der Maler Jose Frappa,
in Berlin die Malerin Marie StCler-Walde,
die sich besonders durch ihre Ex-libris-Zeichnungen
einen Namen gemacht hat und dem Kreis der
Mitarbeiter der Jugend« angehörte; in Meran am
19. Februar der Hofbildhauer Julius Steiner, in
München der Maler Karl Otto Braun, am
29. Februar der Maler Heinrich Froitzheim,
am 26. Februar der Maler Leonhard Sturm; in
Nürnberg der Kupferstecher Franz Rohr;
in Haus Mainberg (Unterfranken) am 14. Februar
Marianne Müller geb. Fiedler (geb. 1864 zu
Dresden), die sich als Malerin und Lithographin
einen guten Namen gemacht hat. Sie war eine
der ersten Künstlerinnen, die sich der modernen
Griffelkunst zuwendete und über die durchschnitt-
liche Damenmalerei hinaus zu echt künstlerischen
Leistungen gelangte. Auf ihre Entwicklung hatten

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