Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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DIE ELBIER AUF DER GROSSEN KUNSTAUSSTELLUNG IN DRESDEN

Weise den stark malerischen Eindruck einer
Bibliothek mit Durchblick in einen hellen
Korridor wieder. Auch der Bibliothekar in
rotem Frack und gepudertem Zopf ist im
wesentlichen als Element der Farbenwirkung
und Stimmungsfaktor gedacht. Walter Besig,
der schon mehr der älteren Generation
unter den Elbiern angehört, ist Landschafter;
sein Bild Doppeleichen (s. Abb. S. 518) mit
der Staffage spielender Kinder gibt ein gutes
Beispiel seiner dem Stilisieren zuneigenden
Kunst.

AUGUST Vi'ILCKENS STEUERMANNSTOCHTER
Etbier-Gruppe auf der Dresdener Kunstausstellung

Endlich gehören zu den Elbiern noch der
geschickte Radierer Georg Erler, der in
der diesjährigen Ausstellung nicht vertreten
ist, und der Bildhauer Walter Sintenis,
dessen Neger (s. Abb. S. 522) den prächtigen
rassigen Typus des kriegerischen Natur-
menschen wiedergibt.

Wünschen wir der schaffensfrohen Gruppe
der jugendlichen Elbier weitere gute Erfolge
und rüstiges Streben auf dem mit Glück
betretenen Pfade. Nur solches wird sie
auch künstlerisch weiterbringen, nicht aber
ein Ausruhen auf billigen Publikumserfolgen.

VOM WERT DES

NEO-IMPRESSIONISMUS

Eine Sache wird dadurch noch nicht gut, daß
vorwiegend Gründe gegen sie vorgebracht
werden, welche unhaltbar sind und sich darum
leicht widerlegen lassen. Indiesem Falle befindet
sich im allgemeinen der Neu-Impressionismus.
Man hat ihm in der Hauptsache vorgeworfen,
daß ungewohnte Mittel angewendet würden.
Nun wohl, wenn diese Mittel nur tauglich
sind, so werden wir uns an sie gewöhnen
und wir werden das im Bilde, was als Farben-
wahl und Pinselstrich auffällt, mit einem Wort
die Konvention des Ausdrucks, nicht stören-
der empfinden als die anders gearteten Kon-
ventionen hergebrachter Techniken, bei denen
lange Uebung uns vergessen ließ, daß hier
etwas Naturfremdes im Bilde ist.

Es fragt sich also: sind die Mittel taug-
lich?

Die Neo-Impressionisten wollen ihre Far-
ben durch „optische Mischung" entstehen
lassen, d. h. sie in lose nebeneinander ge-
setzten Flecken rein auf die Leinwand bringen
und sie erst durch das Auge zu der beab-
sichtigten Mischfarbe zusammenfassen lassen.
Es soll damit jene Leuchtkraft erreicht wer-
den, welche tatsächlich zum Teil verloren
geht, wenn das Farbmaterial auf der Palette
gemischt und in gleichmäßigem Auftrag auf
die Fläche gestrichen wird. Diese Künstler be-
rufen sich auf den Vorgang älterer Maler und
einer ihrer beachtenswertesten Wortführer, der
Graf Harry Keßler, führt besonders den Rubens
an, der sogar die „feinste und ebenste Fläche",
die es gibt, nämlich Frauenfleisch mit einzeln
nebeneinander gesetztem Blau, Ocker und
Karmoisin gemalt habe.

Nun ja, das soll dasselbe Prinzip sein.
Aber Rubens hütete sich wohl, alle Teile
seines Bildes gleichmäßig zu behandeln. Auch
Rembrandt und Goya taten das nicht. Sie
wollten alle, daß die Farbe leuchte, aber sie
wußten, daß es auch Dinge in der Welt gibt,
die ohne Glanz sind. Den Signac und Ge-
nossen soll nicht abgestritten werden, daß
sie in einzelnen Fällen leuchtende Helle noch
stärker herausgebracht haben, als die alten
Meister mit ihren Mitteln erreichten. Aber
nun können sie die Farbe nicht genug strahlen
lassen, und sie füllen ihre ganzen Rahmen
von einem bis zum andern Ende damit an.

Aber mit der Natur verglichen ist dieses
Vorgehen eine Einseitigkeit. Ich sehe, wäh-
rend ich dies schreibe, zuweilen durch mein
Fenster auf eine alte Mauer, auf deren eines
Ende gerade die Sonne scheint. Wie ist das

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