Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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-3-4ö> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <ös^-

und so manches Mal sind wir in Trauer von
dannen geschritten, wenn wir sahen, daß ein
Werk, welches tags zuvor unser jubelndes
Entzücken hervorgerufen, aufgehört hatte, zu
existieren. Wie so manches Mal sind wir
aber auch, erfüllt von den Eindrücken, die
wir in diesem stillen Räume einsogen, wieder
an die Arbeit geeilt, fieberhaft, bis zur Er-
mattung. Die Lehrtätigkeit Zügels beschränkt
sich also nicht auf die offiziellen Korrekturen,
mit welchen sich die Mehrzahl der übrigen
Lehrer begnügt, sondern gerade in dem Zu-
sammenleben, dem beständigen Zusammen-
arbeiten mit ihm, der mit derselben jugend-
lichen Tatkraft wie der jüngste seiner Schüler
immer vorwärts strebt, in der Möglichkeit
des Vergleichs der verschiedenen Leistungen
mit den maßgebenden Arbeiten des Meisters
ist der Schlüssel zu den großen Erfolgen zu
suchen, welche diese Lehrtätigkeit aufzu-
weisen hat. Hier haben sich in langjähriger
gemeinsamer Arbeit Meister wie Professor
Emanuel Hegenbarth, Schramm - Zittau und
andere gebildet, von hier aus werden starke,
noch in der Entwicklung begriffene Talente
in kurzer Zeit den Ruhm Zügels als Künstler
und Lehrer verbreiten und vergrößern helfen.

Im allgemeinen, es weht in künstlerischer
Beziehung eine gute, gesunde Luft in Wörth.
Man gewinnt den Eindruck frisch pulsierenden
Lebens, einer farbenfreudigen, fröhlichen und
ehrlichen Kunst. Hier wird nicht geflunkert
und geblendet mit geistvollen Farbenflecken
und nervösen technischen Mätzchen, hier
wird mit ruhiger, kerniger Kraft gelebt und
gearbeitet, hier wird vor allem gearbeitet
nach dem ewigen, unumstößlichen Satz, der
über jeder Schule mit ehernen Lettern ein-
gegraben stehen sollte: Im Anfang war die
Form. Und wenn jemand einmal sagte, der
Weg der modernen Kunst geht hindurch
zwischen Zügel und Uhde, so kann man
Wörth das Sanatorium der modernen Kunst



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nennen und das kleine Dorf jenseits des
Rheins mit seinen beiden spitzen Kirchtürmen,
seinem schlechten Klima und den vielen
Schnaken wird einst als Stätte der Wirk-
samkeit eines großen Künstlers und Lehrers
in der Kunstgeschichte verzeichnet werden
müssen.

VON AUSSTELLUNGEN

UND SAMMLUNGEN

WEIMAR. Adolf Donndorf hat seiner Vater-
stadt Weimar mit der Bedingung, daß für ge-
eignete Aufstellung gesorgt werde, seine umfang-
reiche Modellsammlung zur Verfügung gestellt. Die
Stadt beabsichtigt nun, im Garten des städtischen
Museums ein neues massives Gebäude zu errichten,
in dem die Modelle der hervorragendsten Schöpfungen
des Künstlers untergebracht werden sollen. Zu diesem
Neubau wurden 30C00 M. bereits bewilligt. Vielleicht
soll dies Gebäude später durch eine Ausstellungs-
halle des Thüringer Kunstvereins erweitert werden.
Von den Hauptwerken des Künstlers, der von Preller
an Rietschel empfohlen, nachher dessen Lieblings-
schüler gewesen ist, führen wir das Eisenacher
Luther - Denkmal, das Jenenser Burschenschafts-
Denkmal, das Goethe-Denkmal in Karlsbad und das
Cornelius-Denkmal in Düsseldorf an.

MÜNCHEN. In der K. Kupferstich- und Hand-
zeichnungen-Sammlung findet seit Donnerstag
dem 21. Juli eine Ausstellung von englischen Schab-
kunstblättern des achtzehnten Jahrhunderts statt.
Besonders bemerkenswert ist darunter eine große
Anzahl Porträtstiche von Valentin Green, zum
Teil in Erstdrucken vor der Schrift, ebenso mehrere
hervorragende Blätter von John Raphael Smith.

DERLIN. Die Nationalgalerie gelangte in den
Besitz eines seit der Pariser Weltausstellung 1889
verschollenen Bildes von Leibl, eine Dachauerin
mit ihrem Töchterchen darstellend, das vor 1875
entstanden sein muß. Der Vorbesitzer hatte das
Gemälde durch Uebermalung der hellen Stellen
mit trübem Firnis arg verunstaltet, glücklicherweise
aber ist die Reinigung sehr gut ausgefallen.

TNÜSSELDORF. Bei Eduard Schulte hat wieder
ein größerer Wechsel der Bilder stattgefunden.
Unter dem Neuausgestellten fällt neben einer kleineren
Anzahl sehr interessanter Zeichnungen des Altmei-
sters Ad.Menzel besonders die Sammlung des leider
zu früh verstorbenen Böcklin• Schülers H. Sand-
reuter, eines Schweizers, auf, der, im Geiste Böck-
lins schaffend, großes Können mit ungewöhnlicher

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