Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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DIE FRÜHJAHR-AUSSTELLUNG 1904

DER MÜNCHENER SEZESSION

Von Dr. Georg Habich

S

o wären also die letzten Kämpfe in der der Renaissance als Wandschmuck aufgefaßt
Sezession" doch nicht erfolglos vorüber- wissen wollte, als ein sorgfältig mit der Um-
gegangen, und unsere, der Kritik, Bemühungen gebung harmonisiertes, „gestimmtes" Kunst-
um ein etwas weitherzigeres Ausstellungs- werk: auch die anderen, denen die Kunst
prinzip nicht ganz vergeblich gewesen. So nicht Sache sorglichen Abwägens, virtuoser
hätten wir endlich in Gestalt eines schönen Geschicklichkeit und höchst entwickelten
Lichthofes mit einer prächtigen, hellen offenen Raffinements, sondern Sache des Tempera-
Halle den schönsten Plastiksaal, den der bild- mentes, das fertige Kunstwerk kein Gegen-
hauernde Mensch sich nur wünschen kann, stand des Schmuckes, sondern Selbstzweck
hätten reizende intime Kabinette mit Oberlicht, ist, durften ihr Recht geltend machen. Sahen
wie geschaffen für Zeichnungen, Schwarzweiß- sie doch die Frucht ihres energischsten
kunst und dgl. Dazu zwei kleine holländische Mühens auf den Prunktapeten der Aus-
Erker, worin die kleinste Kleinkunst, Exlibris, Stellungssäle gerade um diejenige Wirkung
Buchschmuck sich nett präsentieren und gebracht, die ihnen zumeist am Herzen
schließlich, was mehr wert ist als alles,
wieder ein paar Säle mit neuem Wand-
bespann von neutraler heller Farbe. Im
sezessionistischen Wien wird man nun
wieder behaupten, das hätten die Mün-
chener dem Hagenbund abgeguckt. In
Wirklichkeit handelt es sich, wie wir
alle wissen, lediglich um Wiederauf-
nahme jener guten alten Traditionen der
Münchener Sezession, da sie in ihrer
Jugend Maienblüte stand. Es ist oft,
ja selbst dem geneigtesten Leser bis
zum Ueberdruß oft auf die prinzipielle
Bedeutung der leidigen Tapetenfrage
hingewiesen worden. Sie hängt enger,
als es scheint, mit der freien Entwick-
lung des modernen malerischen Stils zu-
sammen. Der ganze schädliche Zwist
zwischen Berliner und Münchener Se-
zession, der durch die Gründung des
deutschen Künstlerbundes nun hoffent-
lich für immer aus der Welt geschafft
ist, basierte ja, soweit er nicht persön-
licher Natur war, im letzten Grund
auf Ausstellungs- d. h. Raum- und Aus-
stattungsfragen. So paradox es klingt:
der Wegzug jener kleinen, aber auf-
rechten Schar, der Slevogt, Corinth,
Breyer, Philipp Klein usw. war ein
Protest gegen die — Damasttapete.
Mochte ein höher kultivierter Ge-
schmack den Vertretern der älteren Ge-
neration hundertmal recht geben, wenn A levier bildn.s des malers c. calligaris

Sie das Staffeleiblld Wieder im Geiste Frühjahr-Ausstellung der Münchener Sezession

Die Kirnst für Alle XIX 15. 1 Mai 1904

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