Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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LUDWIG KÜHN

DIE BURG ZU NÜRNBERG
Sach einer Lithographie im Verlage von Cito F. Sippel in Samberg

EIN NÜRNBERGER GRIFFELKUNSTLER: LUDWIG KUHN

In jüngster Zeit wird vielfach bemerkt, daß
Nürnberg, die Stadt alter deutscher Kunst,
große Anstrengungen macht, auch als Stadt,
in der die Kunst der Gegenwart eine Rolle
spielt, gerühmt zu werden. Aber wenn auch
freigebige Kunstfreunde in überraschend
großer Zahl sich hier gefunden haben, so-
fort für ein städtisches Museum neuer Kunst
Summen zu stiften, um die selbst München
die alte Reichsstadt beneiden dürfte, so kann
doch keineswegs gesagt werden, daß die neue
Kunst in Nürnberg bemerkenswert blühe und
gedeihe. — Gewiß, im Kunstgewerbe hat die
Berufung Peter Behrens' zur Leitung eines
kunstgewerblichen Meisterkurses noch über
Erwarten belebend gewirkt. Aber in der freien
Kunst hat seit langer Zeit kein großes
Leben hier geherrscht. Tüchtige Kräfte
sind in der weihraucherfüllten Luft der
kleinen Stadt erstickt und für die Kleinen
gibt es auch außerhalb der Stadtmauer keinen
Größeren, dem ebenso offen zu huldigen wäre,
als den kleinen Größen in maiorem com-
munitatis gloriam. — Wahrhaftig, es will viel
heißen für einen ortsansässigen Künstler, auch
ohne diesen trügerischen lokalen Nimbus sich
auswärts sehen lassen zu können, denn von
der düsteren Folie der gegenwärtigen Kunst-
stadt Nürnberg heben sich selbst verküm-
merte Größen noch ab, solange sie nur vom
kläglichen Dochte lokaler Kunstansprüche be-
leuchtet werden.

Ludwig Kühn erhebt sich zweifellos von
den gegenwärtigen Griffelkünstlern Nürnbergs
am meisten und ich wüßte keinen, der so
wenig wie er, auch weit außerhalb Nürnbergs

Mauern, an Ansehen verliert. Und doch
würde man auch seiner Art, seinem Kennen
nicht gerecht, wenn man ihn ganz ohne Be-
rücksichtigung des lokalen Milieus würdigen
wollte.

Seine letzten Steinzeichnungen geben uns
Veranlassung, wenigstens in aller Kürze auf
sein Werk im Gebiete der Griffelkunst weitere
Kreise aufmerksam zu machen. Längst schon
sind ja des Künstlers Radierungen nach Werken
der Maler anerkannt und geschätzt. Kühn
hat bei diesen Arbeiten nicht nur eine Tech-
nik erreicht, die größte Anerkennung ver-
dient, sondern er hat sich hierbei in die
künstlerische Wiedergabe der gesehenen Na-
tur durch andere so zu vertiefen gewußt, daß
er als feinfühliger und rechtdenkender Künstler
das Uebersetzen der Farben und Lichter und
Töne in erster Linie anstrebte. Die große
Folge seiner Radierungen nach den Werken
anderer Meister nimmt in seinem Werke eine
sehr zu beachtende Rolle ein. Das „Kopieren"
hat ihn keineswegs unterdrückt, sondern ihn
erstrechtbefähigt zur Wiedergabe des Eigenen.
Wer das Fremde aber meisterlich zu über-
setzen gewußt, der ist niemals ein Geringer.
Wie leicht Ludwig Kühn nun als Malerradierer
schafft, wie leicht es ihm wird, Licht und
Luft der selbst festgehaltenen Landschaft
wiederzugeben, offenbart die große Folge
seiner Originalradierungen wie jedes einzelne
Blatt. Man möchte freilich versucht sein,
seine Radierungen nach Bildern anderer
Meister gar nicht mit seinen eigenen Original-
blättern zu vergleichen, weil jene meist im
Atelier gemalte Bilder kopierten, diese Pleinair-

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