Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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VON AUSSTELLUNGEN

UND SAMMLUNGEN

DRAG. 65. Jahresausstellung im Rudolfinum.
* Seit drei Jahren waren die verschiedenen Aus-
stellungskommissionen redlich bemüht, dem alten
Schlendrian in der Aufnahme von Werken und im
Aufhängen derselben ein Ende zu machen, um die
Ausstellung auf das Niveau einer modernen Veran-
staltung zu heben. Mit Befriedigung konnte man
den Erfolg dieser sicher dankenswerten Bestrebungen
feststellen, sich darüber freuen und allgemein wurden
die durchgeführten Aenderungen und Verbesserungen
auch anerkannt. Eine einzige, entweder ihr Amt
nicht richtig erfassende oder vielleicht auch dem-
selben nicht gewachsene Kommission genügte aber,
um alles wieder auf den alten Standpunkt herab-
zudrücken. Wohl war man bemüht durch eine von
anderen Ausstellungen entlehnte Einteilung in klei-
nere Räume intimere Wirkungen zu erzielen; aber
was kann das nützen, wenn man wiederum über
tausend Werke aufgenommen und aufgehängt hat.
Und dazu noch wie aufgehängt. Es ist fürwahr
keine leichte Aufgabe und es gehört viel Ueber-
windung dazu, in diesem Wust die guten Sachen
herauszusuchen, um sich an ihrem Anblick einiger-
maßen zu entschädigen. Man muß nach dem Zwecke
dieser Ausstellung fragen. Soll sie wirklich nur ein
Bildermarkt sein, wo die Arbeiten dicht an den
Wänden, wie gepflastert, durcheinanderhängen, gut
und schlecht, ob sie zueinander passen oder nicht,
wo der schlechteste Dilettantismus sich stolz neben
bedeutenden Werken anerkannter Meister breit machen
darf. Kann man sich denn nicht von der Rücksicht
auf die Mitgliedschaft oder die Agenten des Kunst-
vereins freimachen und die Ausstellung zu dem
machen, was sie ja doch sein will. Wie will man
es denn verantworten, daß Werke von Künstlern von
anerkanntem Ruf im selben Räume hängen sollen,
wie die schlimmsten Arbeiten eingebildeter Dilet-
tanten, die nur durch ihren Jahresbeitrag oder durch
ihr Werben von Mitgliedern für den Kunstverein
sich das Recht zum Ausstellen erwerben? Wenn
man von dieser Anschauung, die sich heuer in er-
schreckender Weise bemerkbar macht, durchaus nicht
abkommen will oder kann, so wird nichts anderes
übrig bleiben, als jeden Künstler zu warnen, irgend
ein Werk einzuschicken. Man war bemüht, alles
mögliche zusammenzubekommen. Die Menge soll
imponieren — Wem? — Wieder der Menge? Sonst
kann doch niemand befriedigt diesen Jahrmarkt ver-
lassen, ohne mit Bedauern an die guten Arbeiten
zu denken, die sich in der Masse verlieren. Einige
wenige Künstler waren so glücklich, weil sie kollektiv
ausstellten, eigene Räume zu erhalten und diese
sind wohl die einzigen Plätze, wo man sich erholen
kann. So hat der Wiener K. Moll einige seiner,
in feinster Stimmung wiedergegebenen Motive aus
Niederösterreich in einem Kabinett vereinigt und
dank seiner Anwesenheit in Prag in einer Weise auf-
gehängt, daß jedermann die Werke auch genießen
kann. Otto Friedrich in Wien hat überraschende,
seine Vielseitigkeit, künstlerische Laune und Satire,
dabei ein hochbedeutsames, malerisches Können
aufweisende Sammlung von achtundfünfzig Arbeiten
gebracht. Sonst finden wir mit einer größeren An-
zahl von Werken noch, Jean Franqois Raffaf.lli,
der seine neuen Farbstifte in seiner prickelnden,
lebendigen Art vorführt, Willy Hammacher, Berlin,
mit farbensatten, stimmungsvollen Meeresschilde-
rungen, Heinrich und Alex. Jakesch in Prag,

den Bund der zeichnenden Künstler sowie den
Verein für Originalradierung in München, die Ber-
liner Vereinigung für Originallithographie und den
begabten Bildhauer Gottlieb Kafka in Prag.

Hervorragend wie immer ist V. Myslbeck in
Prag in seinem >Kardinal Schwarzenbergs. Von deut-
schen Malern ist an erster Stelle Fritz von Uhde
zu nennen, dessen >Sommerfrische< wohl zu dem
Besten zählt, was überhaupt zu sehen ist. Thaulow,
Marr, Stuck, von Franzosen Billotte, Agache,
Cottet, Laurens, Tremiet, Constant, von
Schotten Black, Henderson, Brown, Crawford,
Paterson und viele, viele andere. Der Katalog
umfaßt 1036 Nummern, wer soll bei den ungünstigen
Räumen alles sehen können? Von Deutschböhmen
wären Rich. Teschner, Emil Uhl, Michl, Fr.
Jäger, C. Korzendörfer und KarlWiefert zu
nennen. Und nun noch etwas. Die Ausstellungs-
leitung war bemüht Werke aller Richtungen zu-
sammenzubekommen und hat nun auch ein Kabinett
mit Arbeiten von Cuno Amiet, dem Hodlerschüler,
Thorn Prikker, Eduard Münch, Hummel, Julius
Exter, Hans Unger u. a. gefüllt. Man mag nun
über diese Art Kunst denken wie man will, bloß-
gestellt dürfen die einmal angenommenen Werke
denn doch nicht werden und das ist durch die Art
des Aufhängens geschehen. Das ist eines Unter-

eugenie münk das segel

20. Aasstellung der Wiener Sezession

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