Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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«^4ö> AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS <&3~*~

ein Vertreter jener impressionistischen Malerei, die
mehr durch Gewaltsamkeiten in der Farbengebung
als durch das feine Gefühl für den Ton und die
Reize der Wirklichkeit Eindruck zu machen sucht.
Man kann ihm eine gewisse Keckheit nicht ab-
sprechen, wird aber in seinen farbenreichen Schil-
derungen von Straßen, Häusern, Bäumen, Kanälen
und belebten Märkten niemals das verträumte Brügge
wiedererkennen. Außerdem ist Hazledine ein mäßiger
Zeichner. In einem ä la Segantini gegebenen, von
einer Lampe erleuchteten Innenraum produziert er
eine Bäuerin, die durch mangelhafte Zeichnung zu
einer Wahnsinnigen geworden ist. Carl O'Lynch
von Town hat sich von Hendrich zu der Gruppe
der Mittelmeermaler bekehrt, hinterläßt aber auch
mit seinen neuen Schilderungen von braunen Felsen
und blauem Wasser keinen tieferen Eindruck. Die
übrigen Aussteller übergeht man am besten mit
Stillschweigen.

Im großen Saale derehemaligen Musikhochschule in
der Potsdamerstraße findet eben die achtzehnte Kunst-
ausstellung des Vereins der Künstlerinnen zu Berlin
statt. Es läßt sich leider nicht behaupten, daß der
Charakter der Vorführung während der dreijährigen
Pause seit der letzten Ausstellung besondere Ver-
besserungen erfahren hat. Die Veranstalterinnen
glauben, daß das allgemeine Niveau höher geworden
sei. Der Unterschied ist aber so gering, daß man
ihn eigentlich nicht wahrnimmt. Man würde sich
über die Zartheit gerade dieser Nuance leicht trösten,
wenn man irgendwo einen künstlerischen Schwer-
punkt der Ausstellung entdecken könnte. Sie ist
jedoch so außerordentlich mittelmäßig, daß eine
gar nicht außerordentliche englische Malerin Sarah
Jannie Wright mit zwei zwischen Liebermann
und Israel stehenden holländischen Interieurs,
>Die Witwe« und »Netzeflickerinnen« wie eine be-
deutende Erscheinung wirkt. An Originalität darf
man überhaupt keine Ansprüche machen. Man kann
vor den meisten Bildern nachweisen, in welchem
Atelier die einzelnen Damen unterrichtet worden
sind. Das Gute der Lehrer trägt häufig genug die
ganze Leistung. Die zweihundertzweiundsechzig
Nummern umfassende Ausstellung macht auf diese
Weise einen fast kunstgewerblichen Eindruck. Die
Damen malen die Wirklichkeit ab, geben aber nur
in seltenen Fällen Kunst. Die Ausnahmen aus diesem
allgemeinen Urteil sind bald aufgezählt. Dora
Hitz hat eine junge, blonde Dame in grauvioletter,
heller Toilette gegen einen lichtgrünen Hintergrund
in kleinem Format mit feinem Geschmack porträtiert.
Von Sientje Mesdag van Houten sieht man
ein kraftvoll gemaltes, tieftoniges Stilleben von
japanischen Gefäßen, von Hildegard Lehnert
ein >Hünengrab< im Sonnenglanz, von Gertrud
Sauerlandt — ersichtlich Uth-Schülerin — einen
ganz lustigen Thü ringer» Topf markt <. Emmy Sc hu lz e-
Schulzendorf — Hübner-Schülerin — fällt mit
einer geschickt und geschmackvoll gemalten Dame
»Vor dem Spiegeh auf und Anna Gumlich Kempf
durch ein »Interieur« mit alten Mahagonischränken,
das intim beobachtet, aber noch mit zu viel Mitteln
dargestellt ist. Cornelia Paczka zeigt ein Damen-
bildnis, das bis auf die zu hart hineingesetzten
Augen ganz leidlich wirkt, und Clara Walther hat
mit einem alten Kirchhof im »Herbst« sicher eins
der stimmungsvollsten Bilder der Ausstellung ge-
liefert. Im übrigen leidet die Ausstellung an Ueber-
füllung. Man sieht sie ohne Genuß und kann
keine Notwendigkeit für ihr Dasein entdecken.

Das Künstlerhaus bringt ein eben vollendetes
Kolossalgemälde von Georg Waltenbergfr
»Graf Bülow spricht im Reichstag«. Diese Frucht

zweijähriger angestrengter Tätigkeit enthält etwa
fünfzig Porträts von Reichstagsmitgliedern, die zwar
konventionell, aber nicht ungeschickt zusammenge-
bracht sind. Eine künstlerische Pointe fehlt jedoch
leider ganz. Die Charakteristik der einzelnen Per-
sönlichkeiten ist oberflächlich, die Malerei mühsam,
die Farbe flau und leblos. Unter diesen Umständen
hinterläßt das Bild einen wenig erfreulichen Ein-
druck. Auch was sonst dieses Mal an Gemälden
vorhanden, ist kann nicht befriedigen. A. Schwarz-
schild fällt mit drei nackten, überdeutlich gemalten
und grell beleuchteten Kerlen auf, die »schwere
Arbeit« — sie ziehen offenbar eine Last — Ver-
richten, indessen keineswegs angenehm. Dieser
nackte Realismus hat mit Kunst wenig oder eigent-
lich nichts zu tun. Den Glanzpunkt der Ausstellung
bilden zwei Säle voll moderner englischer Radie-
rungen. Eine kostbare, gewählte Sammlung, die
von der Kunsthandlung Ernst Arnold in Dresden
mit ebensoviel Verständnis wie Sorgfalt zusammen-
gestellt ist und über welche an dieser Stelle schon
früher anläßlich der Ausstellung in Dresden ein-
gehend berichtet wurde. Man erstaunt über die
enorme Summe von künstlerischer Kultur auf diesem
engeren Gebiet. Man lernt hier Künstler kennen,
die zu den größten gehören, von denen man in
Deutschland aber fast keine Ahnung hat und die
sich von deutschen Radierern dadurch höchst vor-
teilhaft unterscheiden, daß sie jeder groben Sen-
sation, sei sie inhaltlicher oder technischner Art,
aus dem Wege gehen. Diese Engländer haben die
großen Anregungen, die Whistler den Radierern ge-
geben , aufgenommen, ohne den Zusammenhang
mit der Tradition zu verlieren. Ihre Blätter halten
sich ebensogut gegen die Dürers und Rembrandts,
wie gegen die von Meryon und Gaillard. Dieses
ruhige Fortarbeiten hat der Kunst der englischen
Radierer eine Abgeschlossenheit, einen Charakter
gegeben, die aufs angenehmste berühren und ihr
eine tiefe Wirkung verleihen.

Eine von Künstlern stark besuchte Ausstellung
veranstaltete das Studien-Atelier von ArthurLewjn-
Funcke, die Berliner Akademie Julian. Bisher
wurde in diesem Atelier nur Akt gezeichnet, wobei
das Modell halbstündig die Pose wechselte. Herren
und Damen, alt und jung, Künstler und Akademiker
arbeiten dort fleißig zusammen. Seit einem halben
Jahre sind Ateliers für Malerei und Bildhauerei
eingerichtet, wo Louis Corinth, Max Kruse und
Lewin-Funcke korrigieren. Die Resultate sind zum
Teil überraschend und werden vermutlich dem
neuen Unternehmen viel Zulauf verschaffen. Höchst
interessant war die Konkurrenz für selbständige
Künstler, an der sich u. a. Cissarz, v. Kardorff, Zille,
Gustava Haeger und Eva Stört mit Zeichnungen
beteiligten. Als Juroren fungierten Liebermann,
Corinth, Hugo Vogel, Kruse und Lewin-Funcke. Den
preußischen Kunstbehörden dürfte der Unterschied
zwischen der Art, wie hier und in den staatlichen
Akademien gearbeitet wird, aufgefallen sein und zu
Aenderungen Anlaß geben. Hans Rosenhagen

PERSONAL- UND

ATELIER-NACHRICHTEN

DIELEFELD. Am ersten Ostertage wurde hier
gelegentlich der Theatereröffnung auch der von
Prof. Ernst Jordan gemalte Theatervorhang ent-
hüllt, der allgemeinen Beifall fand. Unsere Zeit-
schrift bringt nebenstehend eine Wiedergabe des-
selben.

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