Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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PERSONAL- UND ATELIER-NACHRICHTEN <^^~

PERSONAL- UND

ATELIER-NACHRICHTEN

F'VRESDEN. Der Sächsische Kunstverein zu Dresden
*-* konnte in diesem Jahre auf sein fünfundsiebzig-
jähriges Bestehen zurückblicken. Hofrat Böttiger
und Genossen gründeten ihn am 7. April 1828 bei
der Feier des dreihundertsten Geburtstages Albrecht
Dürers. Der bekannte Kunstfreund v. Quandt war
der erste Vorsitzende des Vereins. Auch Goethe
stand Pate bei dem junggegründeten Verein; er
gründete in Weimar einen Zweigverein mit vierzig
Mitgliedern. Im Jahre 1832 schied v. Quandt infolge
von Streitigkeiten über die Auswahl der anzukaufenden
Kunstwerke aus. Indem der Kunstverein der Kunst ein
breiteres Publikum zuführte, brachte er zugleich die
Kunst herunter, indem er die Künstler verleitete, dem
seichten Geschmacke des Publikums gemäß zu
malen. Damit wollte v. Quandt, dem schon das
Ideal einer Volkskunst, einer allgemeinen künst-
lerischen Kultur vorschwebte, nichts zu tun haben.
Aeußerlich blühte der Verein empor. Bereits 1835

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JOH. V. KRÄMER «««BILDNIS S. EXC. DES

GRAFEN BYLANDT-RHEIDT

hatte er 1506 Mitglieder, die sich auf 151 Orte ver-
teilten; 1842 zählte man 1893 Mitglieder. Einen
erneuten Aufschwung nahm der Verein dann unter
der Leitung des Bürgermeisters Dr. Stübel (1875 bis
1892), der durch geschickte Agitation die Zahl der
Mitglieder auf mehr als 2700 brachte. Seitdem aber
ist der Verein ständig rückwärts gegangen. Die
künstlerische Reaktion hat im Kunstverein geherrscht.
Die großen Ereignisse im Dresdener Kunstleben
spielten sich infolgedessen nicht mehr im Sächsischen
Kunstverein, sondern in den Ausstellungen der Kunst-
händler Ernst Arnold, Theodor Lichtenberg Nach-
folger, später auch bei Emil Richter ab. Die großen
Fortschritte in der Ausstellungskunst, wie sie die
großen Dresdener Kunstausstellungen 1897, 1899
und 1901 aufwiesen, gingen an den öden und stets
sich gleich bleibenden, zum Teil sehr schlecht be-
leuchteten Räumen des Sächsischen Kunstvereins
spurlos vorüber. In der Auswahl der auszustellenden
Kunstwerke verfuhr man nichts weniger als erziehe-
risch. Einzelnen Aktionären und Schule haltenden
Künstlern zuliebe wurden Stümpereien von Malschüle-
rinnen und Angehörigen von Vereinsmitgliedern auf-
genommen, die das Niveau der Ausstellung auf eine
bedenklich niedrige Stufe brachten. Die hervor-
ragendsten Dresdener Künstler dachten nicht mehr
daran, ihre Gesamtausstellungen im Sächsischen
Kunstverein zu veranstalten; sie gehen in einen
der privaten Kunstsalons, wo sie sich mit künstle-
rischer Intimität einrichten können. Ein wunder
Punkt ist endlich das Vereinsgeschenk. In einer
Zeit, wo die schöpferische Griffelkunst so kräftig
aufgeblüht ist — man denke nur an die Sachsen
Max Klinger, Otto Greiner, Karl Köpping, Otto
Fischer, Georg Jahn, Georg Erler, Max Pietschmann,
Georg Müller-Breslau, Georg Lührig — brachte das
Vereinsgeschenk des Sächsischen Kunstvereins fast
immer wieder Mappen mit unansehnlichen Blättern
nach unbedeutenden Gemälden, die für die Vereins-
verlosung angekauft wurden. Man kann sich nicht
wundern, daß der Verein immer mehr zurückging
und an Bedeutung verlor, ebensowenig, daß man
das fünfundsiebzigjährige Bestehen des Vereins in
keiner Weise feierte. Dagegen erschien zur Feier
des Jubiläums eine eingehende Kritik im »Dresdener
Anzeiger -, welche die Ursache des Rückgangs des
Vereins rückhaltlos darlegte. Das Direktorium des
Kunstvereins hat sich nunmehr entschlossen, dem
eingerissenen Schlendrian entgegenzutreten, seine
Satzungen abzuändern und die nötigen Reformen
einzuführen. Die ständige Vereinsausstellung soll
auf eine höhere Stufe gehoben werden, damit sie
wieder eine größere Bedeutung im Dresdener
Kunstleben erhalte. Ferner will das Direktorium
nach Befinden in Gemeinschaft mit der Dresdener
Kunstgenossenschaft — periodische Ausstellungen
in den Mittelstädten Sachsens veranstalten. Um
den Mitgliedern Gelegenheit zu geben, sich über
die neuesten Erscheinungen auf dem Gebiete der
bildenden Kunst vollständiger zu unterrichten, als
dies durch die Vereinsausstellungen möglich ist,
soll ihnen auf Kosten des Vereins freier Zutritt zu
den Kunstsalons von Ernst Arnold und Emil Richter
verschafft werden. Als Jahresgeschenk sollen künftig
in der Regel nur Originalradierungen, außerdem
aber von Zeit zu Zeit Mappen mit Vervielfältigungen
bedeutender älterer oder neuerer Kunstwerke an
die Mitglieder verteilt werden. — Ob das Direktorium
mit seinen Reformvorschlägen durchdringen wird,
ist eine zweite Frage. Im November wird eine
Vereinsversammlung darüber zu entscheiden haben,
ob der Verein in den alten Geleisen weiter fahren
oder neue Bahnen beschreiten will. *

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