Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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~*=S3ö> MORITZ VON SCHWIND

moritz von schwind der todeskuss der melusine

konnte ich aus der Mutter nichts rechtes heraus-
kriegen biß ich gestern drangieng und in ein Paar VON AUSSTELLUNGEN
Minuten alles erobert hatte. Das gute Mädel fieng

an zu weinen um ihren Vater und ihre Schwester, UND SAMMLUNGEN
die beide in Zeit von 8 Monaten gestorben sind,

sie hat sich aber wieder getröstet. Alle Bekannten DERLIN. Im Künstlerhause herrscht Weihnachts-
halbbekannten und selbst Fremde gratulieren mir Stimmung. Unglaublich viel Bilder, aber bedenk-
ich hätte das bravste Mädel auf weit und breit. lieh wenig Kunst. An der Spitze der Aussteller
Das auffallende Unglück, das sie zu bestehen hatte, marschiert Hans Bohrdt, der seine Kunstfertig-
machte auch ihr wackeres Betragen bekannt. Ich keit so ausgebildet hat, daß ihm die Herstellung
bin gestern mit ihr ausmarschirt, und sah lauter seiner Marinebilder weder Sorgen noch Schwierig-
vergnügte Gesichter. Dieser Mensch also, der keiten macht. Ein Versagen gibt's nicht. Er könnte
soviel Unheil erlebt und angefangen hat, ist also so fortmalen in alle Ewigkeit und wird ohne Zweifel,
endlich untergebracht. Man spricht von den Be- so lange er wirkt, immer Leute finden, die seine
schwerden des Ehestandes, gut, was aber ein alter Illustrationen für Malerei halten. Die einen ganzen
Junggesell für ein nichtsnutziges ungehöriges ab- Saal füllende Nachlaßausstellung des verstorbenen
gelegtes Ding ist davon kann ich auch reden. Nicht Georg Schmitgen bietet ebenfalls wenig Anregung,
einmal seinen eigenen wirklichen Verdruß hat man, Das bescheidene Talent des Berliner Landschafters
geschweige denn was anders. Wir haben unter verschwindet fast ganz in der Masse von unbe-
unseren Bekannten niemand dem sie gleich sieht, deutenden Arbeiten, die über die Wände verteilt
es sei denn die Nettl, sie ist aber größer und hat sind. Ein Stückchen Feldweg, ein ärmliches Gärt-
einen Mund wie einen Caffelöffel so klein. Falls chen, ein stilles Dörfchen, eine blühende Waldwiese
die Frau von Gutherz über meine Untteue trauern waren für ihn die glücklichsten Motive. Er hat
sollte, so gestehe ich aufrichtig, daß zwischen niemals versucht, seinem Lehrer Bracht nachzu-
den Händen ein bedeutender Unterschied ist. gehen und sich heroisch zu gebärden. Das nahm
Was nützt's ein solches Paar wie der Resi ihrs und nimmt hier wieder für ihn ein. Auch die von
giebt's nur einmal und es wär schad darum zum Willy Hamacher ausgestellten Arbeiten wirken
Kochen. Ich sag Ihnen mir ist ganz gut zu Muth ziemlich schwächlich. Der Künstler beginnt, sich
mein Bild hab ich auch verkauft, undtausend Gulden von seinen alten Riviera-Motiven loszusagen, und
des Jahrs auf 2 Jahre schriftlich, bis auf weiteres malt neuerdings das nächtliche Venedig. Eine starke
mündlich und wie ich glaube wirklich. Zu thun Geschmacks- und Talentverirrung stellt ein riesiges,
giebts auch genug und sei über alles bisherige in Kreuzform gehaltenes Gemälde von R. Rother
ein großes Kreuz geschlagen, und nichts soll vor mit der Unterschrift >Crux vera vitae«. So viel
aus dem ersten Theil in den zweiten herüber, sich aus der monströsen Komposition ersehen läßt,
als die Freude über die viele Freundschaft die soll das Weib das wahre Kreuz des Lebens sein,
ich gefunden habe. Jetzt glaub ich werde ich Unklares Wollen und schwaches Können haben hier
erst alle recht gern haben, weil ich alle die ver- ein in jedem Sinne totes Kind etzeugt. Zu den
rückten Launen und leeren Wünsche los bin. wenigen Lichterscheinungen in der Ausstellung ge-
Meine Zukünftige empfiehlt sich unbekannter hört ein liegender weiblicher Akt von G. Biermann
Weise und wahrscheinlich auf Wiedersehen im :>Nach dem Bade = . Der dem jüngeren Geschlecht
Herbst. nur als Maler fürchterlicher Phantasieschönheiten
Ihr alter Freund und süßlicher Porträts bekannte Künstler zeigt in
Schwind diesem 1851 erstandenen Werk zeichnerische und

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