Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

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ANSELM FEUERBACHS VERMÄCHTNIS

Im vergangenen Jahre ist Anselm Feuer-
bach's Vermächtnis in fünfter Auflage er-
schienen. *) Das fesselnd geschriebene kleine
Buch hat für den Namen, den sein Titel-
blatt verzeichnet, überraschend glücklich ge-
stritten. Mit Recht weist Richard Muther
in seiner Geschichte der Malerei im neun-
zehnten Jahrhundert ihm die heute populär
gewordene Feuerbachverehrung in höherem
Maße zu als der wirklich durchgedrungenen
Erkenntnis der wunderbaren Tiefe und Stil-
größe der Kunst des Meisters.

Man hat den außerordentlichen literarischen
Erfolg aus einer Stelle der von der Mutter
verfaßten Vorrede erklärt. Darin ist aus-
gesprochen, daß die Schrift „das Empfinden
und Denken Anselm Feuerbachs in der ihm
eigenen Weise des Ausdruckes mit voller
Unmittelbarkeit in sich faßt." Und zur Be-
kräftigung dieser Worte heißt es dann weiter:
„Die nötigsten Redaktionsänderungen aus-
genommen, findet sich darin kein Wort,
welches nicht von ihm herrührt."

Diese Behauptung spricht dem Vermächt-
nis den Wert einer durchaus zuverlässigen
historischen Quelle zu, als solche ist es seit-
her betrachtet und benutzt worden, aber eine
solche ist es in Wahrheit nicht. Zuerst hat
Julius Allgeyer diese Tatsache durch Ver-
gleichung des gedruckten Vermächtnis mit
dem handschriftlichen Nachlaß des Meisters
aus dem Besitz der Berliner Nationalgalerie
erkannt. Leider war ihm die Einsicht in
dies kostbare Material erst nach dem Er-
scheinen seines mit der ganzen Liebe ver-
ehrungsvoller Freundschaft geschriebenen
Feuerbachbuches **) vergönnt, und so enthält
seine Arbeit, da sie dem Vermächtnis un-
bedingt Glauben schenkt, manche Irrtümer.
Aber diese sind nicht so schwerwiegend,
daß seine Biographie dadurch geradezu „ent-
wertet" wird, wie Allgeyer selbst das ver-
schiedentlich mündlich und in Briefen an
Fachgenossen ausgesprochen hat. Das wird
die noch kurz vor seinem Tode im Manu-
skript abgeschlossene zweite Auflage durch die
Mitteilung der Originale demnächst kundtun.

Allgeyer verdanke auch ich die Anregung
zu einer kritischen Prüfung des Vermächtnis
und der Freundlichkeit der Generalverwaltung
der königl. preußischen Museen, die mir den

*) Wien 1902. Carl Gerolds Sohn.
**) Julius Allgeyer »Anselm Feuerbach, sein Leben
und seine Kunst«. Bamberg 1894.

Feuerbachnachlaß bereitwillig zur Bearbeitung
überließ, die Möglichkeit, folgende Ergebnisse
mitzuteilen.

Die Berliner Nationalgalerie bewahrt als
Geschenk der Stiefmutter Feuerbachs die
Urschrift des Vermächtnis und rund fünf
und ein halbes Hundert Briefe des Künstlers
an seine Angehörigen aus den Jahren 1845
bis Ende 1879, d. h. vom Anfang seiner künst-
lerischen Tätigkeit als Schüler der Düssel-
dorfer Akademie bis fast zu seinem Tode.
Dazu kommen noch zahlreiche Briefe der
Mutter an den Sohn, der frühverstorbenen

franz stuck domino
Photographieverlag von Franz Hanfstaengl, Manchen

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