Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 19.1903-1904

Seite: 460
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VERMISCHTES — NEUE BÜCHER <ö£-*-

JV/l UNCHEN. Ein »Verein Mün-
chener Aquarellisten« wurde
hier gegründet von Max E. Giese,
Karl Strathmann, Rene Reinicke,
Hans B. Wieland, Hertling, Hugo
Kreyßig, J. v. Gietl, Rudolf Köse-
litz, Leuteritz, Hans G.Jentzsch,
v. Hellingrath und K. Itschner.
Die Künstler bringen schon im
diesjährigen Glaspalast eine ge-
meinsame Ausstellung und ihrem
Wunsche, durch geschlossenes

Vorgehen für die in München FRANZ FLAUM VAMPYR
nicht sehr gepflegte Aquarell-
malerei größere Beachtung zu erzielen, wird hoffent- Gefühl durchtränkt ist, daß die Glieder seiner Ge-
lich die Erfüllung zuteil. stalten nicht mehr physisch, sondern psychisch be-
lebt erscheinen. So z. B. s-jin Kuß«, eine Gruppe
zweier sich küssender, innigst verschlungener
NEUE BUGHER Menschenkinder; so sein -Frühlingsrausch«; so sein

schönstes Werk: »Vision-. Als Hilfsmittel braucht

Franz Flaum. Fünf Essays von Stanislaw Flaum oft die andeutende Darstellung. Aber diese
Przybyszewski, R. v. Delius, S. Lublinski, E. Geyer ist doch wieder keine Unfenigkeit, sondern will
und C. Jellenta. Mit 16 Abbildungen. Berlin 1904. ein Herauswachsen der Gestalten oder Ideen aus
(Karl Schnabel.) M. 2.50., geb. M. 3.50. dem Stoff zeigen. Der »Alp« stellt diese Stufe der

Das Buch erscheint in dem Augenblick, da wir, Flaumschen Kunst dar. Und einen Schritt schon
unabhängig davon, im Begriffe stehen, durch einen weiter. Er erweitert die Darstellungsart der Plastik
kurzen Hinweis und durch einige Abbildungen von durch eine Weitung des Raums. Wie von außen
dem Wirken des Künstlers Bericht zu geben. Wir be- gleichsam kommen die Spukgeister zu dem
nützen die Gelegenheit, den wohlausgestatteten Band schlafenden Jüngling, und doch ist die formale Ver-
denen zu empfehlen, die sich durch die folgenden bindung eine plastische. Flaum komponiert nicht
Zeilen zu näherer Beschäftigung mit dem Künstler äußerlich zusammen, sondern löst die jedesmalige
angeregt fühlen. Darstellung von innen heraus aus dem Stoff.

Die drei Bilder nach Skulpturen Franz Flaums, Georg Muschner-Niedenflhr

die wir heute bringen, zeigen drei Stadien seiner

Entwicklung. Die »Eva« ist noch etwas her- Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher

kömmlich. Auffallend ist schon die Feinheit und und Poet. Nach den veröffentlichten Handschriften.
Zartheit, die Grazie und ästhetische Reinheit des Auswahl, Uebersetzung und Einleitung von Marie
Werkes. Der »Vampyr« zeigt seine Fortent- Herzfeld. Leipzig 1904. Verlag Eugen Diederichs.
Wicklung bis zur Virtuosität im Akt und seine M. 8.—, geb. M. 10.—.

Eigenart in der Wiedergabe eines solchen Begriffs. Nur ein kleiner Abschnitt dieses Buches läßt

Hier liegt der Fingerzeig für den Entwicklungsgang Leonardo über Kunst reden, aber das Ganze zeigt
des Künstlers. Er vergeistigte seine Kunst, in- ihn als den Künstler im tiefsten Sinne, als das
dem er geistvolle Werke darzustellen suchte. Er schöpferische, weltumfassende Genie. Mit tief-
wurde Bildhauer-Dichter. Andere Bildwerke, wie dringendem Verständnis hat die Herausgeberin aus
der »Morgen«, zeigen das in zartester poetischer dem schwer zu bewältigenden und der Allgemeinheit
Schönheit, oder, wie das j Geschlecht«, in erschüt- fast ganz unzugänglichen Material ihre Auswahl ge-
terndem Pathos. Diese Vergeistigung und Verinner- troffen, die vereint mit der feinsinnigen Einleitung
lichung entwickelte Flaum schließlich so weit, daß ein Bild Leonardos vor uns entstehen läßt, in dem
er sie als eine neue Lösung des plastischen Pro- sich der unermeßliche Geist dieses Größten in
blems überhaupt gezeigt hat. Er gibt nicht mehr voller Klarheit spiegelt. Die Sprache der Ueber-
bloß Akte und Figuren, die irgend etwas darstellen Setzung sucht, an einzelnen Stellen zwar mit offen-
sollen, sondern er schafft plastische Dichtungen, barer Mühe, im allgemeinen aber mit bestem Ge-
Kompositionen. Er hat auch seine Technik zu einer lingen, die Urwüchsigkeit und Frische der Original-
ganz innerlichen gemacht und ist zu einer Behand- aufzeichnungen Leonardos zu erhalten und deshalb
lung der Form [gekommen, die so von Geist und wird dies einzige deutsche Buch, das den Meister

selbst zu uns reden läßt, auch
das Buch über ihn, ja von ihm,
kann man bald sagen, bleiben.
»Leonardo, der Forscher und Er-
finder, der Denker und Poet,feiert
seine Auferstehung. Hier .wird
ein Geist offenbar, dessen Genie
seinem ungeheurenWissensdrang
ebenbürtig war. Es gibt keine Dis-
ziplin der realen Wissenschaften,
in die Leonardo nicht die über-
raschendsten Einsichten gewon-
nen.« Die Ausstattung des Werkes
ist der Würde des Gegenstandes
angepaßt. E. R. Weiß zeichnete das
Titelblatt und die Initialen. Das
Selbstbildnis Leonardos ist eine

FRANZ FLAUM ALP besondere Zierde des Bandes. Sg.

Redaktionsschluß: 2. Juni 1904 Ausgabe: 16. Juni 1904

Für die Redaktion verantwortlieh: F. Schwartz
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-g. — Druck von Alphons Bruckmann. — Sämtlich in München
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