Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Secession und Glaspalast in München.

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sich die darüber gemalten Schichten als Haut ab-
heben.

Eine weitere Erfahrung habe ich nun, um gleich
hieran anzuknüpfen, mit den Übermalungen alter
Bilder gemacht. Diese lassen sich mit dem Petten-
kofer sehen Verfahren ebenfalls sehr leicht entfernen.
Ist nämlich der Firniss abgenommen und wird das
ältere Bild nach Einreibung mit besagtem Liniment
den Alkoholdünsten weiter ausgesetzt, etwa sechs
Stunden und länger, je nach der Widerstandsfähig-
keit der alten Farbe, so werden alle späteren Uber-
malungen, und zwar je jünger desto früher, wieder
weich. Sie lösen sich in einen weichen Brei auf
und lassen sich mit Terpentin und Watte herunter-
nehmen, ohne dass auch nur von dem Alten irgend
etwas verletzt wird. Mau muss selbstverständlich
streng Obacht geben und von Zeit zu Zeit prüfen,
wie weit die Prozedur vorgeschritten. Jedenfalls ist
bei diesem Verfahren sofort ein Halt möglich, falls
ja die alte Farbe mit erweichen sollte, indem man
das Bild unberührt wieder trocknen lässt. Es wird
in einer Stunde etwa wieder vollständig hart und
unverändert sein, während sich bei den anderen
Mitteln der Schaden erst immer zeigt, wenn es zu
spät ist einzuhalten. Ich habe in München einmal
einer Prozedur heigewohnt, wo bei einem Bilde Uber-
malungen durch Chloroform bearbeitet wurden; schließ-
lich war so viel herunter, dass nachher noch drei-
mal so viel wieder neu übermalt werden musste und
aus dem alten Meister ein neuer Restaurator ge-
worden ist.

Zum Schhiss möchte ich noch bemerken, dass
Harz und Ollack leicht ebenfalls durch den Petten-
kofer'schen Apparat konstatirt werden können, da
der erste bei Alkoholdämpfen spätestens nach 15 Mi-
nuten weich wird, der andere erst nach Stunden.

Zum großen Glück kommt letzterer überhaupt
weit seltener vor, so dass schon dadurch ein großer
Teil der Bilder besser erhalten bleiben kann, falls
eben überhaupt etwas Vernünftiges dafür geschieht.

SECESSION UND GLASPALAST
IN MÜNCHEN.

Ein Nachtrag.

Seit einer Reihe von Jahren sind die Säle der
britischen Kunst der Glanzpunkt deutscher Ausstellungen.
So auch wieder in diesem Jahre, in welchem sie das
Interesse derart absorbieren, dass für die anderen fremden
Nationen nicht allzuviel übrig bleibt. Um so mehr, da
die Franzosen nicht würdig genug vertreten sind und
alle übrigen durch Abwesenheit glänzen.

So sind die Italiener z. B. in der Secession nur
durch Segantini vertreten; der Schilderer der sehneidend
klaren Alpenlaft begiebt sich diesmal auf das Gebiet
der Mythe, indem er die Gestalten von gespensterischen
KinJermörderinnen nach einem alpinem Märchen, wohl
buddhistischen Ursprungs, malt. Auch einiger geschickten
Pastelle von Rietii sei dabei gedacht. Von den Schweden
ist am bemerkenswertesten Liljefors' große „Auerhahn-
balz", die für die Pinakothek angekauft wurde und
diese Auszeichnung als eine der reifsten und schönsten
Schöpfungen des Künstlers verdient. Der Norweger
Thaulow, bei uns ein häufig und stets gern gesehener
Gast, hat zwei kleine Perlen da, beides Seestücke, das
eine davon im Mondschein, von solch hohem poetischen
Reiz und verblüffender Einfachheit der Malerei, dass ich
mich kaum entsinne, jemals etwas Anziehenderes von
ihm gesehen zu haben, obgleich es zwei ganz anspruchs-
lose Bildchen waren, die das liebe Publikum geflissent-
lich übersah. Dänemark ist im Wesentlichen durch
Kroger vertreten, über den nichts Neues zu sagen ist,
da es bekannt, dass er zu dem vornehmsten Anreger für
die koloristischen Bestrebungen der Deutschen geworden
ist. Das eine seiner Bilder trägt die Jahreszahl 1883.
Es muss beschämen, wenn man sieht, wie hoch die
delikate Farbenanschauung bei den Dänen damals schon
gediehen war, verglichen mit der öden Trübe, die in
jenen Jahren bei uns noch allgemein herrschte. Der-
jenige, welcher weiß, was diese Spanne Zeit in der
Malerei zu bedeuten gehabt hat, wird verstehen, was es
heißt, dass jenes Bild schon ganz in unserm heutigen
Sinne modern gemalt ist.

Ziemlich zahlreich und am harmonischsten, wie stets,
sind die Niederländer. Aber es ging uns auch mit ihnen,
wie stets: ich hab sie nicht recht betrachtet, bis ich die
übrige Ausstellung schon auswendig kannte; und dann
— dann fand ich, dass ich die Niederländer doch eigent-
lich schon genügend gesehen hätte. Dabei sind sie, im
Grunde genommen, durchweg vorzüglich. Aber sie
bleiben sich so gleich, dass sich die geringen Unterschiede
in ihren Bildern im Gedächtnis verwischen und das Ge-
sicht der Säle in jedem Jahr genau dasselbe ist. Ich
glaube, dass diejenigen, denen nur in der feuchten Salz-
atmosphäre der Dänen ganz wohl ist, dort stets ihr
helles Entzücken finden, — ich muss meine Unfähigkeit
dazu erklären. Das gilt alles in höherem Grade von
den Holländern als den Belgiern, welche zum Teil mehr
zu Paris zu zählen sind als zu Brüssel. So Emile Glaus,
der in seinen brillanten Darstellungen des Lichts mit
den geschicktesten Experimenteuren Frankreichs kon-
kurrirt, aber abgeschlossene Leistungen, keine Experi-
mente vorführt. Auch Francis Ngs geht mit seinem
„Vollmond'1 interessante Wege. Am meisten von sich
reden gemacht haben dies Jahr zwei Künstler, die
häufig zusammen genannt worden sind, ohne, für mein
Empfinden, viel Zusammengehörigkeit zu zeigen: Leem-
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