Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

Page: 351
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1896/0182
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
351

Nekrologe. — Personalnachrichten.

— Sammlungen und Ausstellungen.

352

Kaffael steht Pastor häufig auch auf den Schultern von
Anton Springer und Friedrich Schneider. Manche Er-
kenntnisse, die auf Friedrich Schneider's Gedanken
zurückgehen, sind heute schon so verbreitet, dass man
sie im Bädecker zu lesen bekommt, ohne dass man den
ebenso gelehrten wie liebenswürdigen Urheber derselben
öffentlich genannt hätte.

Ich meine hier zunächst eine, wie mir scheint,
zutreffende Erklärung der Eaffael'schen „ Disputa-', die
schon vor mindestens zehn Jahren von Friedrich
Schneider als eine scholastisch - mystische Darstellung
erklärt wurde, als eine Verherrlichung des Altar-
sakramentes im Sinne der mystischen Theologie. Schnei-
der hat nun vor kurzem in der Zeitschrift „der Katho-
lik" seinen Gedankengang ausführlich ausgesprochen.
Der Sonderabdruck dieser Studie: „Theologisches zu
Eaffael" ist es, der hier seines inneren Zusammenhanges
wegen zugleich mit dem III. Bande der Pastor'schen
Papstgeschichte besprochen wird. Schneider weist ganz
richtig darauf hin, dass bei der Deutung der sogenannten
„Disputa" zu wenig darauf geachtet wurde, wie vertraut
man in Italien zu Eaffael's Zeit, ja noch viel später, mit
theologisch-mystischen Gegenständen war. Die kirch-
liche Liturgie ist dort dem Volke noch heute durchaus
geläufig. Zudem hatten die Dominikaner am päpstlichen
Hofe nachweisbare Beziehungen zu Eaffael, sodass es
durchaus naturgemäß erscheint, ein geistliches Bild
Eaffael's aus dem Gedankenkreise jener Dominikaner
heraus zu erklären. Dasselbe Heft bringt auch eine
exegetische Studie über die Transfiguration von Eaffael.
Das Fest der Verklärung Christi ist zur bleibenden Er-
innerung an den Sieg der christlichen Heere bei Bel-
grad im Jahre 1456 von Papst Calixtus III. für den
6. August eingesetzt worden. Das Eaffael'sche Bild.
1517 gestiftet, hängt mit der mohammedanischen Frage
insofern zusammen, als es für Narbonne, wo Guilio de'
Medici seinen Bischofssitz hatte, bestimmt war, und als
Narbonne durch muhammedanische Seeräuber bedroht
war. Am 6. August, dem nachmaligen Tage der Feier
der Transfiguration, wurden früher der Märtyrer-Papst
Sixtus H. und die Diakonen Felicissimus und Agapitus in
der Messe kommemoriert. Giulio de Medici gehörte
aber im Kardinalskollegium dem Ordo der Diakonen an.
So würden sich, schließt Schneider, die zwei Diakonen
links im Mittelgrunde des Kaffael'schen Bildes erklären.
Es wären die zwei Diakonen, deren Andenken an dem-
selben Tage wie die Transfiguration gefeiert wird. Die
Verbindung der Verklärung Christi mit dem besessenen
Knaben auf Rafifael's Transfiguration erläutert Schneider
dadurch, dass er den vom Teufel besessenen Knaben als
ein Symbol der Türkenherrschaft nimmt, die ja, wie
oben erwähnt wurde, in einer bestimmten Beziehung zur
Einsetzung des Festes der Transfiguration steht. Der
verklärte Christus würde hier in mystischem Sinne der
Ketter aus Türkennot sein, wie er auf dem Bilde als

Befreier des besessenen Knaben dargestellt ist. Zweifel-
los liegt eine solche Deutung des Wunderwerkes von
Eaffael's Hand den Gedanken seiner Zeit viel näher,
als irgend eine andere der bisherigen Erläuterungen.

TH. v. FR.

NEKROLOGE.

x. Der Historien- und Landschaftsmaler ErnestAngeDtu \
ist am 3. April in Paris im Alter von 53 Jahren gestorben.
Kr wurde am 8. März 1843 geboren, war Schüler von Pils
und debütirte 18ü8 im Salon mit einer Mater dolorosa. Aber
erst 1879 machte er von sich reden durch ein großes Tri ptychon,
das sich jetzt in der Luxemburggalerie befindet: Die Legende
von St. Cuthbert. Von da ab ist dem Maler der Erfolg treu
geblieben; er malte neben religiösen Stoffen sehr geschätzte
Landschaften, Seestücke etc. Er war Mitbegründer der
Societe des aquarellistes, dann der Pastcllisten, wurde 1879
mit einer Medaille 1. Klasse prämiirt, erhielt 1880 das Kreuz
und wurde 1889 Offizier der Khrenlegion. Er starb an Herz-
lähmung, eine Folge des Radfahrens.

x. Ludwig Munthe, einer der geschätztesten Düsseldorfer
Landschaftsmaler, ist am 30. März nach längerem Leiden
gestorben. Kr wurde 1843 auf Aroen in Norwegen geboren,
ging 18G1 nach Düsseldorf und bildete sich dort ohne Lehrer
als Landschafter aus. Kr hat verschiedene Auszeichnun-
gen, viele Medaillen, Orden (Khrenlegion und Leopolds-
orden) und Titel, wie den eines schwedischen Hofmalers, die
Khrenmitgliedschaft der Akademieen in Stockholm und
Kopenhagen erhalten. Munthe nahm als Künstler eine be-
sondere Stellung ein. Wie er sich ohne eigentlichen Lehrer
herangebildet, so hatte er auch keinen gleichartig schaffen-
den Kunstgenossen oder Schüler. Begabt mit einem feinen
Farbensinn, wusste er aus der Natur den zauberhaften
Wohlklang der in ihr schlummernden Farbenharmonie her-
vorklingen zu lassen. Frühling, Herbst und Winter boten
ihm die Stimmung, die er seinen Motiven zu Grunde legte.
Bewunderte man die Winterlandschaften Munthe's mit ihrem
entzückenden Luftton, aus dem in der Ferne immer neue
Formen herauswuchsen, und der unerreichten Weichheit in
der Behandlung des Schnees, dann glaubte man hier die be-
rufenste Domäne des Meisters erkennen zu dürfen; wenn
er aber hinwiederum die frische, keusche, fast herbe Poesie
des Frühlings schilderte, oder den Farbenreiz der zu Rüste
gehenden Natur ausbreitete, dann erschien jenes Urteil wieder
überholt. Der deutsche Wald, die niederländische Kbene, das
Meer, die winterliche Dorfstraße, Kanalläufe und Städtebilder
sind die Vorwürfe gewesen, an denen sich Munthe's Kunst am
liebsten erprobte. Kine Radirung nach einem Bilde Munthe's
von der Hand Prof. K. Forberg"s brachte die Zeitschrift f. bild.
Kunst, Neue Folge, Bd. II, S. 248.

PERSONALNACHRICHTEN.

Prof. M. Lekrs, bisher Direktorialassistent am Kgl. Kupfer-
stiehkabinctt in Dresden ist zum Direktor der Kupferstich-
sammlung ernannnt worden.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

London. — Nach vielen Umzügen und Wanderungen
hat endlich die „Nationale Porträt-Sammlung" ein würdiges
Heim in einem eigenen Gebäude neben der Nationalgalerie
in Charing Croll erhalten. Die Sammlung ist aus recht
loading ...