Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Sammlungen und Ausstellungen.

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kleinen Anfängen entstanden. Im Jahre 1859 zählte sie erst
56 Bildnisse, zehn Jahre später aber war sie schon auf 288
angewachsen. Jetzt hat sie eine Vollständigkeit erreicht,
dass der Beschauer in der That die ganze englische Ge-
schichte, repräsentirt durch die Männer, die sie gestaltet
haben, vor sich sieht. Die Bildnisse der Königsfamilie he-
ginnen mit Robert von Normandie und endigen mit der
Königin Viktoria, deren lebensgroßes Porträt sich in der
Eingangshalle befindet. Viele Bilder der Sammlung sind
auch von bedeutendem künstlerischen Wert und sind von
den ersten Malern Englands gemalt.

Paris. — Der Orden der Rosenkreuzer hat seine Aus-
stellung Ende März eröffnet. Ein mörderisches Plakat ladet
zum Besuche ein: ein Lohengrin, der das Haupt Zola's vom
Rumpfe abgeschnitten hat und es, blutig und verzerrt,
triumphirend emporhält. Diese Geschmacklosigkeit soll den
Sieg des Idealismus über den Naturalismus versinnbildlichen.
Die Rosenkreuzer sind im wesentlichen Botticellisten und
haben außer der Nachahmung der langgestreckten schmal-
wangigen Leiber der Frühflorentiner ihren Bildern noch
eine Dosis von Mysticismus und von des Gedankens Blässe zu-
gesetzt. Diese Maler, welche den Körpern alle Erdenschwere
ausziehen und sie zu „Astralleibern" umwandeln, nennen sich
selbst „Seelenmaler". Dieses ganze Rosenkreuzertum ist bei
Licht besehen die absolute Negation der Millet- und Bastien-
Lepage, ein ins malerische Gigerltum getriebener Gegensatz
zu der nach Erde und Schweiß duftenden Armeleutmalerei.
Der Oberpriester dieser Gesellschaft ist der „Sar" Peladan,
dem diese systematisch betriebene Marotte zu einer reichen
Heirat verholfen hat. Das Sonderbarste ist, dass dieser Mal-
sportklub, der allem Realismus den Tod geschworen hat,
seine gemalte Limonade in altgotische Rahmen einfassen
lässt, die auch deren vielhundertjähriges Alter vortäuschen
sollen: sie sind künstlich wurmstichig, künstlich zerbrochen,
sogar mit künstlichem Fliegenschmutz bedeckt! Natürlich
nennen diese Narren alles, was nicht diese Altertums-Spielereien
mitmacht, vieux jeu und erklären es für altmodisch.

0 Die Berliner Kunsthandlungen machen trotz der
vorgeschrittenen Saison noch immer große Anstrengungen,
das Publikum für ihre Ausstellungen heranzuziehen. Dem
Schulte'sehen Salon wird dies auch wohl gelingen, denn seine
April-Ausstellung bietet in der That manches Erfreuliche
und Interessante. Erfreulich sind namentlich die Land-
schaften von Carl Rathjen. An den Bildern dieses Malers
waren eine poetische Auffassung und ein gewisser Stimmungs-
reiz zwar oft zu rühmen, die Technik aberhatte fast immer etwas
Nüchternes, und dem Kolorit fehlte meist die Wärme. Die
jetzt ausgestellten Dorflandschaften dagegen sind ausser-
ordentlich frisch, bei aller Sorgfalt in der Durcharbeitung
haben sie sich die volle Kraft und Lebendigkeit der vor der
Natur vollendeten Studien bewahrt, und auch in ihrer Farben-
gebung ist viel gesunde Frische. Sehr viel Anerkennung
verdienen auch die Landschaften von Eduard Fischer, von
denen eine ganze Anzahl die Bewunderung der Ausstellungs-
besucher hervorruft. Die virtuose Technik dieses Künstlers
ist freilich schon seit Jahren kaum noch zu übertreffen.
Die Spreewaldbilder von Willi Werner sind bereits durch
die vor Weihnachten erschienenen Faksimiledrucke bekannt
geworden, wenigstens was ihre Motive betrifft, die der junge
Künstler jetzt auch malerisch zu verwerten gesucht hat.
Dass er hierbei nicht in allen Fällen ganz glücklich gewesen
ist, liegt wohl daran, dass der illustrative Charakter auch
bei den Gemälden zu sehr in den Vordergrund tritt. Eine
sehr umfangreiche Gruppe von Arbeiten hat J. Wischnioirslsy
ausgestellt, ein bisher in Berlin noch ziemlich unbekannter

Künstler, der sich so ziemlich auf allen Gebieten der
Malerei versucht hat. Sein Hauptbild, das als Unterschrift
die Worte Joh. 15, 12 trägt: „Dies ist mein Gebot: Liebet
einander, wie ich euch geliebt habe", variirt das von
Pauwels so wundervoll gelöste Thema des auf dem Schlacht-
felde erscheinenden Christus. Aber während uns die Vision
bei Pauwels dadurch menschlich näher gebracht wird, dass
wir uns in die Seele des sterbenden Soldaten versetzen, der
sich in seinen Leiden im Gebet an den Herrn wendet und
bei ihm Trost sucht und findet, ist die Erscheinung bei
Wischniowky nur um der Tendenz willen da. Wir sehen
vor uns eine erstürmte Batterie. Am Boden liegen mit ver-
zerrten Gesichtern und gekrampften Händen gefallene Krieger,
deutsche und französische. Das volle Mondeslicht fällt auf
sie, und seine Strahlen scheinen Gestalt anzunehmen, die
Gestalt des Heilands. Die Tendenz ist aber die Hauptsache
bei dem Bilde, und weil sie in erster Reihe bestimmend ge-
wesen zu sein scheint, nicht aber künstlerisches Empfinden
und das Streben nach malerischer Wirkung, so ist die Kom-
position posirt und die Malweise flach und roh ausgefallen.
Besseres leistet Herr Wischniowsky in der Landschaft. Ein-
zelne von den kleinen Studien aus Algier sind nicht übel.
Als geschickter Pastellmaler bewährt sich in einigen Damen-
bildnissen der Düsseldorfer Kleiu-Clievalicr, während die
Bilder von Paul Bach so übertrieben in der Farbe sind, dass
ihnen jede harmonische Wirkung abgeht. — Der Salon
Ourlitt hat, wie alljährlich im Frühling, eine Ausstellung
älterer französischer Gemälde veranstaltet. Man findet da
Bilder von Corot, Courbet, Daubigny, Diaz, Jules Dupre,
Henner, J. F. Millet, Th. Ribot, Troyon, Ziem u. s. w., die
aber meist zweiten und dritten Ranges sind und auf die wir
wohl nicht näher einzugehen brauchen. — Dagegen müssen
wir über das am 31. März neueröffnete Panorama „Beresvna"
von Juljan Falat und A. von Kossah noch einiges sagen.
Juljan Falat hat in dem landschaftlichen Teil dieses Riesen-
bildes ein Werk geschaffen, das künstlerisch weit über das
Niveau der bisherigen Panoramenmalerei emporragt. In
dieser scheinbar unendlichen Schneelandschaft, deren kalter
Ernst nur durch den verklärenden Schein der letzten Sonnen-
strahlen ein wenig gemildert wird, ist nicht nur die Illusion
vollkommen erreicht, — in ihr ist zugleich eine Stimmung,
die den Beschauer sofort auf das Tiefste ergreift. Wenn
man so zwischen zwei nur dürftig mit Birken bewachsenen
Hügeln hindurchschaut in die Ferne, wie weit sich da die
Schneegefilde dehnen, wie traurig, wie hoffnungslos, und
doch zugleich wie großartig, wie erhaben! Gegenüber der
Majestät dieser Natur wird alle menschliche Grösse zunichte,
und man begreift, dass an ihr der bis dahin unüberwindlich
scheinende Korse zu Grunde gehen musste. Nicht ganz so
glücklich sind die Schöpfer des Gemäldes in der Lösung des
Problems der figürlichen Darstellung gewesen. Sie haben
hierbei dem Impressionismus soviel Konzessionen gemacht,
dass man bei mancher Gruppe aus dem Gewimmel kaum in
ihren Umrissen angedeuteter Gestalten gar nicht klug wird.
Die Komposition dagegen verdient wieder gerühmt zu werden,
sie veranschaulicht in packender Weise das gewaltige Drama
des 28. November 1812. Uns auf Einzelheiten einzulassen,
würde zu weit führen.

Düsseldorf. Hans Deiters — ein Schüler E. v. Gebhardt^
einer der Schüler, die wenigstens nicht blinde Nachbeter
dieses vortrefflichen Meisters aber verhängnisvollen Lehrers,
verhängnisvoll durch die Eitelkeit, durchaus „Schule" machen
zu wollen — tritt zum erstenmal mit einer Sammelaus-
stellung an die Öffentlichkeit. Hätte der Künstler in Berlin
oder anderswo ausgestellt, so würde man sagen: „man hätte
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