Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Ausstellungen in den Champs-Elysees und auf dem Champ-de-Mars. II.

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fenetre", „l'attente", „maison rustique", jener einige Ma-
rinen. Beide Künstler zeigen ihre bekannte Meister-
schaft. — Unter den ausgestellten Arbeiten skandina-
vischer Künstler ragen nur die Bilder einiger in Paris
heimisch gewordener hervor, ein Selbstporträt von Zorn,
das sehr geschickt, freilich vielleicht sogar zu geschickt
ist. eigentlich nur Technik zeigt und einige sehr
stimmungsvolle Landschaften von Fritz Thaulow. Ein
Porträt des berühmten Doktor Roux, von dem Finnländer
Edelfelt gemalt, ist in der Charakteristik ein Meister-
stück, durch die etwas nüchterne Umgebung und etwas
trockene Farbe wirkt es aber, rein malerisch betrachtet,
nicht völlig erfreulich. — Der Spanier Russmol bringt
eine Reihe außerordentlich kräftig wirkender Studien aus
Granada, Casus ein interessantes Porträt. Den Lands-
mann dieser Beiden, de la Gandara, wie Meister Boldini,
den Italiener, muss man wohl künstlerisch den Franzosen
zuzählen Beide sind mit interessanten Frauenbildnissen
vertreten.

Ich habe oben angedeutet, wie leicht man zu fal-
schen Ansichten gelangen kann, wenn man die Kunst
eines Landes ohne weiteres nach der Art beurteilen will,
wie dieselbe in dem einen oder dem anderen Jahre zu-
fällig auf einer dieser internationalen Ausstellungen ver-
treten ist. Ein Beispiel hierfür liefert die Gruppe
deutscher Bilder, die wir in dem Salon des Champ-de-
Mars finden. Sieht man diese Arbeiten und weiß man
sonst nichts von moderner deutscher Kunst, so muss man
freilich zu recht sonderbaren Vorstellungen davon ge-
langen. Dass dies der Fall ist, beweist die Äußerung
eines hiesigen Kunstschriftstellers, der in seinem Salon-
Bericht meint: außer Liebermann und Kuehl besäße
Deutschland von nennenswerten Künstlern wohl nur den
Zeichner Adolph Menzel und den Porträtisten Lcnbach,
aber diese beiden würden ohne künstlerische Nachfolge-
schaft sterben. Wie falsch dieses Urteil im einzelnen1)
ist, braucht hier nicht auseinander gesetzt zu werden.
Aber es ist bezeichnend.

In der That sind es Liebermann und Kuehl und wohl
auch Skarbina, die in dieser Ausstellung wenigstens die
Ehre deutscher Kunst retten. Liebermann bringt in
seinem „Ende des Tages" einen alten Fischer in den
Dünen rastend und in seine „Jungen von Sandvort,
die aus dem Bade kommen", eine Anzahl außerordentlich
fein beobachteter Knabenakte in einer stimmungsvoll grau-
trüben Strandlandschaft, Kuehl einen ..Blick auf Lübeck"
und einen „Schlachterladen in Lübeck", Skarbina einen
Akt im Freien, den er „Waloes Plusterg" nennt. Von
Gudden finden wir ein „Interieur aus Holland", das,

1) Lenbach hat freilich keine Schule gemacht. Bei allem
Respekt vor dem großen Porträtisten muss man aber wohl
sagen: glücklicherweise. Denn Lenbach nachahmen wollen,
hieße Natur aus dritter Hand nehmen. Und es beweist
gerade den gesunden Sinn unserer jungen deutschen Künstler,
dass sie dies nicht versucht haben.

kräftig in der Farbe, nur noch ein wenig haltnngslos
wirkt. Dom Hitx ist mit ihrem Porträt diesmal recht
wenig glücklich; die Studie von Bosnanska ist nicht
ohne Verdienst, Leistikow's „Weiher" dagegen ein ganz
entschiedener Missgriff. Sonst finden wir noch Trvbn&r,
Burger, Stetten, Hartman, Armbruster, Koenig, Meyer-
Ball, von denen einzelne recht hübsche Arbeiten hier
sind, die aber doch keine Vorstellung geben von dem
blühenden Leben in den Ateliers von München, Weimar,
Berlin u. s. w. Inmitten der französischen Kunst, deren
vornehmste Eigenschaft ein feiner künstlerischer Ge-
schmack ist, wirkt die „Danas" von Sleevor/t doppelt
brutal und hässlich. Allzu Erfreuliches ist also leider
von deutschen Bildern nicht zu berichten.

Muss man den seit langem hier lebenden Österreicher
Jettel den Franzosen zuzählen? Seine feinen, anspruchs-
los auftretenden und doch in ihrer Schlichtheit so wir-
kungsvollen Landschaften weisen in der That ein wenig
auf Cazin hin, der als der erste unter den modernen fran-
zösischen Landschaftern sich seit langem schon mit Vor-
liebe der Schilderung jener feineren Reize zugewendet,
in welchen die Natur sich hüllt, wenn das Dämmern des
Abends herabzusinken beginnt. Ähnliche Stimmungen
liebt Iii tolle und erreicht ähnlich feine Wirkungen.
Diese drei Meister sind mit charakteristischen Arbeiten
vertreten, wie die ihnen folgenden Chudant, Mcsle,
Glary. Von eigenartiger, stiller Schönheit sind die
Interieurs von Lobrc. Sisley erreicht mit seiner Be-
handlungsweise immer noch starke Lichtwirkung, aber
wie mir scheinen will, doch auf Kosten des guten Ge-
schmackes; die Bilder' wirken mehr bunt als farbig;
ähnliches ist bei Bocquet der Fall. Raffaelli, der Maler
des modernen Paris, bringt außer einigen sehr schönen
Blumenstillleben und einem Porträt „Lea Invalides",
„Notre-Dame de Paris" und „Place Saint-Michel"; der
farbenfreudige Collet eine ganze Reihe figürlicher und
landschaftlicher Scenen von der Küste. Von den fran-
zösischen Landschaftern müssen noch genannt werden
Colin, Bareau, Georges Linien Griveau, Smith Iiooch
und vor allem Menard, dessen schönfarbige und groß
aufgefasste Landschaften von starker Wirkung sind.
Derselbe Maler zeigt sich in zwei Bildnissen als ein
Porträtist ersten Ranges. Die Höhe der Kunst Aman-
Jean's kann freilich er so wenig wie irgend ein anderer
der französischen Porträtmaler erreichen. Vor der
Fähigkeit dieses Meisters, in dem Rahmen eines Bild-
nisses die ganze Fülle einer Menschenseele uns vorzu-
führen, müssen alle Anderen zurücktreten. Schöne zarte
Farbe, die zumeist sich in der Kombination weniger
Töne hält, unterstützt die Absichten des Künstlers auf
das glücklichste in einigen Frauenbildnissen, wie in dem
sehr charakteristischen Porträt des Malers Besnard.
Dieser selbst erscheint in diesem Jahre mit seinen Ein-
sendungen nicht auf der Höhe seines Könnens, die Farbe
seiner Bilder ist hart und bunt. Ähnliches gilt von
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