Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 24.1913

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXIV. Jahrgang 1912/1913 Nr. 13. 27. Dezember 1912

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JUSTUS VAN EFFEN ÜBER DEN HOLLÄNDI-
SCHEN KUNSTHANDEL UM 1700-1734.

Der holländische Satyriker Justus van Effen (1684
bis 1735), der nach einem Leben voller Abwechslung
— er besuchte Schweden und England, wo er Mit-
glied der Royal Academy wurde — von 1731 bis
zu seinem Tode ein Wochenblatt, »de Hollandsche
Spectator« herausgab, ist in Deutschland kaum be-
kannt. Seine geistreichen Schriften geißeln Mißbräuche
aller Art, behandeln Literatur, Religion, Kunst, Sitten
und Gewohnheiten, kurzum das ganze Leben seiner
Zeit. So hat er auch in zwei Nummern seines
»Spectators« das Leben und Treiben der Kunsthändler
seiner Tage geschildert. Unsere Leser werden sich
freuen, zu sehen, wie sehr sich das in unsern
Tagen zu ihren Gunsten geändert hat. Jetzt werden
die Auktionskataloge ja mit größter Gewissenhaftigkeit
verfaßt, haben sogar Vorworte, Einleitungen unserer
größten Kunstgelehrten und Galeriedirektoren; kost-
bare Gemälde werden nicht angeboten ohne Zer-
tifikate der namhaftesten Kunstkenner, mit einem Wort,
der Kunsthandel hat sich zweifellos gehoben seit van
Effens Zeiten. Nur so ab und zu ereignen sich noch
Sachen, die nach den hier folgenden Schilderungen
damals gang und gäbe waren.

Zu etwas kann aber die Lektüre unseres amüsanten
Kulturhistorikers doch dienen. Wir lernen hieraus,
wie kolossal man schon um 1700 in Holland und
Flandern fälschte, wie damals die Signaturen häufig
geändert und mit Geschick auf die Bilder angebracht
wurden. Es mahnt zu immer größerer Vorsicht, die
ja nicht in »Fälschungsriecherei« zu entarten braucht,
aber uns doch veranlassen sollte, nicht zu vertrauens-
selig alle scheinbar alten Signaturen gleich für echte
zu halten. Eine geschickt nachgemachte Signatur
aus 1700 sieht nach über 200 Jahren, mit Schmutz
bedeckt, oft wirklich »sehr echt« aus.

Doch zur Sache. Ich werde die zwei Aufsätze
bedeutend abgekürzt, aber so getreu wie möglich
übersetzt, ohne Kommentar folgen lassen.

Van Effen fängt an zu sagen, daß er nach seinen
Verhandlungen über die Maquignons seiner Zeit, auch
etwas über die Kunsthändler (»so nennt man vor-
nehmlich die Händler in Gemälden«) sagen muß.
Denn, fährt er fort, sie sind eben so berüchtigt wie
die Pferdehändler, indem sie jungen und unerfahrenen
Liebhabern wertlose Bilder oder elende Kopien für
herrliche und echte Meisterwerke anschmieren. Ich
will hier zeigen, in welcher Weise sie unerfahrene,
aber auch wohl einmal alte Ratten in ihre Falle locken.

Ich will mit den öffentlichen Auktionen anfangen.
Keine wird unternommen, ohne daß man — wie un-

bedeutend die Sammlung auch sein mag — einen Kata-
log bekommt, der einem das Wasser im Munde zusam-
menlaufen macht. Es sind »herrliche, überherrliche, ja
beinahe fürstliche Kabinette von vortrefflichen, »plai-
santen«, kuriosen Bildern, meistens alle extraordinäre
kapitale Stücke der allerersten, vornehmsten Meister
der italienischen, französischen, deutschen und andern
Schulen«. Jede Nummer wird extra angepriesen.
Schön, lustig, delikat, geistreich, gut, natürlich, aus-
gezeichnet, sind die Lobeshymnen, die man auf jeder
Seite findet; wenn man die Sprache des Landes ver-
steht, heißt das: ziemlich gewöhnlich!

Ist hier und dort einmal ein gutes, natürliches
Bild darunter (denn m. E. soll die Malerei nichts
anderes sein als eine verständnisvolle Nachfolge der
Natur!) heißt es gleich: das edelste, kapitalste, vor-
nehmste, kräftigste, welches von diesem Meister be-
kannt ist, und in seiner besten Zeit gemalt. Bilder
von Craesbeeck, Spreeuw werden Brouwer und Dou
benamst. Werke von van Herp, den man bei uns
nicht gut kennt, werden Teniers getauft, und so
gaukeln sie mit Namen wie ein Zauberkünstler mit
seiner Mütze, daraus er jetzt eine Krone, dann eine
Bischofsmütze zu drehen weiß.

Aber, fragen Sie, was geht denn das die Kunst-
händler an? Mehr wie Sie denken! Denn diese
Herren sind fast überall die Handlanger der Makler
und Auktionäre. Sie machen die Listen, die Kataloge,
hängen die guten Bilder in ein gutes Licht, die
schlechten in eine dunkle Ecke, ein Bild, welches
man himmelhoch gepriesen, so daß ein scharfer Kri-
tiker es nicht genau untersuchen kann, damit er nicht
sieht, daß es verputzt, übermalt oder gar eine Kopie

ist......auch mischen sie ihre Bilder zwischen

die zu verkaufenden eines Nachlasses. So sah ich
in Amsterdam in einer Auktion ein Bild, das man
kurz vorher einem meiner Freunde in einer anderen
Stadt als ein herrliches Kunstjuwel verkaufen wollte,
das jedoch mit Lächeln zurückgeschickt worden war;
niemand bot, trotzdem der Makler sein möglichstes
tat. Einer meiner Bekannten hätte es wirklich ge-
kauft, hätte ich ihn nicht gewarnt und gezeigt, wes-
halb mein Freund sich geweigert hatte.

Ich will niemanden darum abschrecken von dem
Besuch der öffentlichen Auktionen; nur will ich den
jungen Liebhabern raten, sich nicht zu früh einzu-
bilden, daß sie sich schon auf ihre Kenntnisse ver-
lassen können. Man bleibe kühl und lasse sich nicht
bereden von manchem, von dem man glaubt, sie
hätten kein Interesse dabei. Man rede nicht also:
Wenn ein Kunsthändler 100 Gulden bietet, kann ich
wohl 105 bieten, denn er will doch auch noch etwas
daran verdienen. So hörte ich einmal jemand
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