Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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mit großer Freude zu begrüßen. Dem Kunsthandwerk wie
den Kunstfreunden werden auf diese Weise gute muster-
gültige Vorbilder vermittelt, auf der andern Seite wird
aber dadurch jede Befürchtung geschäftlicher Konkur-
renz durch unsere Schulwerkstätte zu nichte gemacht, weil
diese keinerlei Aufträge für Rechnung dritter übernimmt.
Die Schüler wählen sich ihre Aufgaben nach
Wunsch und Neigung, oder erhalten solche durch
Prof. Lauterbach gestellt. Auch die Entwürfe dafür
entstehen in der Mehrzahl in der Werkstatt selbst,
natürlich auch unter Verwertung des in den andern
Klassen, so in denen für Fachzeichnen und Modellieren
für Kunstschlosser und anderen Entwurfsklassen ge-
wonnenen Entwurfsmaterials. Neben dem Eisen, das
hauptsächlich verarbeitet wird, kommen noch Kupfer,
Tomback, Messing, Aluminiumbronze und dergleichen
zur Verwendung. Die Abbildungen der Arbeiten
lassen erkennen, daß alle nur möglichen Techniken
gepflegt werden. Zur Bereicherung der farbigen
Wirkung wird die Emaillierung neben der Verwendung
von Halbedelsteinen und Glasflüssen bevorzugt. Einer
ganz besonderen Pflege erfreuen sich die Feuerarbeit

in der Schmiede- und Treibtechnik, die Meißeltechnik
und das kalte Treiben und Aufziehen, namentlich
von Kupfergefäßen bis zu großen Abmessungen aus
einem Stück Kupfer. Ätzen, Gravieren und Ziselieren
werden außerdem eingehend gepflegt, weil auch
Graveure und Gürtler, ja auch Gold- und Silber-
schmiede die Schulwerkstatt besuchen. Eine Be-
schreibung der Arbeiten selbst kann unterbleiben; sie
lassen ja erkennen, daß ihre Hersteller vom Fache
sind. So besitzen die hier durch Veröffentlichung
ihrer Arbeiten ausgezeichneten Schüler, die sämtlich
Vollschüler sind, Hugo Schlösser und AloysTimmer-
kamp (f) das Zeugnis der Gesellenprüfung, dagegen
Hermann Albers, Hermann Bökels, Joh. Casse, Hans
Drüppel, Ludwig Kriegeskotten, Werner Lindner,
Heinrich Lütkefels, Josef Merten, Rudolf Müller und
Anton Rundel bereits den Meisterbrief. Von diesen
wirken bereits wieder als Fachlehrer für praktische
Arbeit und Fachzeichnen für Kunstschlosser: Hermann
Bökels an der Königlichen Kunstgewerbeschule zu
Kassel, Josef Merten an der Handwerker- und Kunst-
gewerbeschule zu Essen-Ruhr.

DEUTSCHE SCHMIEDEFAUST! WEHRE DICH!

VON PROF. HILMAR LAUTERBACH, ELBERFELD

WIE im Nebel verirrte Schiffe von hoher Wacht-
station den durchdringenden Warnruf erhalten:
»Du bist in Gefahr«, so möchte ich in die Reihen
der Kunstschmiede, Architekten und Kunstfreunde die
Warnung hineinrufen: Deutsche Schmiedefaust, habe Acht
und wehre Dich! Unsere ehrwürdige deutsche Schmiede-
kunst, die von jeher in allen Kulturländern mit Recht große
Bewunderung fand, steht in Gefahr, durch verkehrte An-
wendung der an sich sehr segensreichen Erfindung des
autogenen Schweißens entwürdigt oder ganz vernichtet zu
werden.

Wohl hat im Wandel der Zeiten schon manche Er-
rungenschaft auf dem Gebiete der Metallindustrie an den
Vesten der alten, ehrwürdigen Schmiedekunst gerüttelt und
sie sogar eine Zeitlang zum Stillstand zu bringen vermocht.
Ich erinnere an das Aufblühen der Eisengießerei um die
Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, als das Produkt der
Hochöfen, ein kohlenstoffreiches Eisen, mühelos und gern
zu reichen Ornamenten gegossen wurde, die man der
Schmiedekunst entlehnte und sie damit zu ersetzen suchte.
Das war etwas Neues, Kühnes und hatte deshalb auch
seine Berechtigung.

Man sollte sogar bemüht sein, die würdigsten Vertreter
solcher Kunstgüsse aus jener Zeit, gute Stücke von Gittern
und Grabkreuzen, an geeigneten Orten der Nachwelt zu
überliefern.

Die Schmiedekunst trat eben eine geraume Zeit be-
scheiden zurück, bis sie in unseren Tagen wieder zur vollen
Ehre gelangen durfte.

Nie ward im Reiche der Künste und des Kunstgewerbes
eine verdrängte, hochentwickelte Technik, die einst Menschen-
herzen erfreuen konnte, vergessen, und sollte sie auch im
bunten Märchenkleide der Nachwelt überliefert werden,
wie es so oft schon edlen Metallkünsten beschieden war.
Wer darüber etwas Näheres erfahren will, der lese in den
fünf starken Bänden des trefflichen Werkes »Die Geschichte
des Eisens« von Dr. Ludwig Beck, Verlag von Viewegfr Sohn,
Braunschweig. Man findet dort die köstlichsten Sagen und
Überlieferungen aller Völker und aller Zeiten gesammelt. Es

sollte jeder Berufsgenosse, ja jeder Gebildete in diesem
prächtigen, lehrreichen Werke einmal gelesen haben.

Wehe aber, wenn man eine hochentwickelte Kunst,
an der sich schaffende Geister erfreuten, in den Staub her-
abzieht, wenn ungeübte Hände durch eine industrielle Er-
findung in Stand gesetzt werden, sie mühelos und ohne
Feingefühl zu betreiben; die Kunst wird dadurch gemein
und von ihren guten Geistern verlassen; sie wird herab-
gewürdigt und gelangt nie mehr zur vollen Wertschätzung.

Solch schlimme Zeit des Niederganges scheint jetzt
unserer Schmiedekunst durch die Erfindung des autogenen
Schweißens beschieden zu sein. Schon schwinden die
nervigen, geübten Schmiedefäuste mehr und mehr, die am
Schmiedefeuer kunstgerechte, bewunderungswürdige
Schweißungen auszuführen verstanden. Geübte Augen,
welche auf das Sehen eines schönen goldenen Verhältnisses
eingestellt waren, gehen an der grellen autogenen Flamme
zugrunde.

Wenn die Kunstschmiede bis heute eine feine Er-
ziehungsanstalt für junge Männer ihres Berufes war, wo
Geist und Körper zu Kühnheit, zähem, geduldigen Aus-
harren und zu Schönheitssinn erzogen wurden, so wird in
Kurzem das Schlimmste, was sie treffen kann, nämlich
Stumpfsinn, Energielosigkeit und Unzufriedenheit im Be-
rufe von ihr ausgehen. — Nie wird eine Zeit auf den Ge-
danken verfallen, solche durch autogenes Kleben und Pappen
von kunstfremder Hand gefertigte Schmiedearbeit hoch ein-
zuschätzen und sie im Museum der Nachwelt zu überliefern.

Die Ausnützung der großen Erfindung des autogenen
Schweißens sollte eben nicht auf dem Gebiete der Schmiede-
kunst liegen.

Es gibt in der Metallindustrie so unzählige Anwen-
dungen, daß man sich heute ohne autogene Flamme recht
arm und ratlos vorkommen würde. Brutalen Preisdrückern
und schnöden Geldverdienern zuliebe sollte ein so hoch-
entwickeltes schönes Kunsthandwerk freilich dadurch nicht
zu Schaden kommen und zugrunde gerichtet werden.
Architekten sollten streng darauf sehen, daß solch eiserne
»Papparbeit« nicht als Kunstschmiedearbeit anerkannt,

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