Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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ELEKTROTECHNIK UND KUNSTGEWERBE

EINE ENTGEGNUNG VON ALWIN VÖLKEL, BERLIN-FRIEDENAU

IM letzten Heft sind Ausführungen des Herrn Dr. Neu-
burger über »Elektrotechnik und Kunstgewerbe« ge-
macht worden, die einer Erwiderung bedürfen, da darin
in etwas weitschweifiger Weise reichlich viel Ratschläge
über die Verwendung des elektrischen Lichtes gemacht
werden, die aber nicht den Kern der Sache berühren, das
elektrische Licht als im Raum wirkende Kraft. Zunächst
verbreitet er sich über die technischen Normen, die von
den Siemens-Schuckert-Werken für die Praxis der Instal-
lation aufgestellt sind und die von Architekten und Be-
teiligten auch meistens benutzt werden, vor allem die
Unterputzleitung, die eine,
jede Verzweigung des Licht-
netzes fördernde Anlage dar-
stellt. Was die neue Methode
»System Kulo«, die unsicht-
baren dünnen Fäden betrifft,
scheint diese mehr für vor-
handene, als Neubauten
praktisch anwendbar, doch
nicht das Richtige zu sein.
Wenn ich ein Bild brauchen
darf, muß das elektrische
Leitungsnetz ebenso wie
Wasser- und Gasleitung wie
das Blut- und Nervensystem
im menschlichen Körper sein,
unsichtbar, aber exakt wirk-
sam an der richtigen Stelle,
an den hierfür bestimmten
Gliedern, diese sind es dann,
die eine geschmackliche Aus-
bildung bekommen sollen.
Tritt der Leitungsdraht aus
der Wand, so entsteht ein
Loch, sowohl beim Schalter,
als auch beim Lichtspender.
Wird der Schalter in die
Wand eingelassen, mit Ta-
pete überklebt, so ist der
Zweck erfüllt, bleiben leider
immer noch die Löcher, die
mit dem Stecher die Ver-
bindung zwischen Leitung
und Körper herstellen. Bei
mehrfacher Benutzung wird
durch das Suchen mit dem
Stecher die Tapete bald be-
schädigt sein, so stellt sich
heraus, daß selbst die Unterputzdose eine Verkleidung
nötig hat. Es bleibt somit zweierlei, die Unterputzdose zu
verkleiden oder die Überputzdose als unschönen schwarzen
Fleck ebenfalls zu verkleiden. Bis hierher stimme ich mit
Herrn Dr. Neuburger überein.

Bei der Ausbildung dieser Dinge soll nun ein denk-
bar feiner Geschmack des Herstellers, der meistens Fabri-
kant ist, walten und in der einfachsten Form der präg-
nanteste Ausdruck gefunden werden, aber beileibe ver-
lange man nicht von diesem ein Kunstwerk, das er nicht
imstande ist zu liefern. Es wäre erfreulich, wenn auch
hierin die Kunst ernster genommen würde und man nicht
jedem bescheidenen Geschmackswert das Prädikat Kunst
anhängte. Ein weniger wäre mehr für die Kunst.

Freilich kann auch ein Schalterknopf ein Kunstwerk
sein, aber dann nur im Einzelstück und dann um so besser.
Nun komme ich zum Lichtkörper selbst. Herr Dr. Neu-
burger empfiehlt nun einmal von der zentralen Aufhängung,
dem tragenden Mittelrohr abzugehen, da es noch ein
Überbleibsel aus der Gasperiode sei, und diesem muß ich
im Prinzip wiedersprechen; was er au Bildern zum Be-
weis seiner Auffassung bringt, kann ich nicht ernst nehmen,
den Künstlern gar Richtlinien dafür zu geben, halte ich für
falsch, das unterliegt der jeweiligen Forderung, welche die
Ausstattung des Raumes an die Lichtquelle stellt, entweder

eine gleichmäßig konzen-

Josef Hoffmann, Wien. Empfangsraum im Österreichischen Hause
auf der Deutschen Werkbund-Ausstellung Köln 1914

trierte bei ebensolchen Räu-
men oder eine zerstreuende
bei komplizierten oder einem
bestimmten Zweck dienen-
den Räumen. Herr Dr. Neu-
burger ist sich hier nicht klar,
einmal empfiehlt er jeden
Faden als Lichtträger zu be-
nutzen, dann wiederum einen
Mittelkörper, da die vielen
glänzenden Lichtpunkte be-
unruhigend wirken. Aber
dieser Mittelkörper ist ohne
stabile Aufhängung nicht
möglich. Bleiben wir also
beim festen Mittelkörper,
der die Vorteile einer kon-
zentrierten Lichtquelle bietet
und der wahrhaft künstle-
rischen Betätigung ein emi-
nentes Mittel in die Hand
gibt, eine gleichmäßige Ruhe
des Lichtes, die dem physi-
schen Empfinden des un- -
verbildeten Auges entgegen-
kommt.

Da der Mensch gewöhnt
ist, das Licht der Sonne von
einem Punkt zu empfangen,
hat sich das Empfinden an
dieses Faktum gewöhnt, und
er wird sich auch da in den
künstlich erleuchteten Räu-
men am wohlsten fühlen,
wo die Lichtquelle diesem
Empfinden Rechnung trägt,
und das tut am besten der
zentrale Beleuchtungskörper, der uns Licht und Schatten
gibt, je nachdem sich der Mensch bewegt. Man hat
mehrfach den Versuch gemacht, das diffuse Licht in
Räumen zu verwenden, also die Lichtquelle zu ver-
stecken, es wird aber immer als etwas Fremdes emp-
funden aus dem Grunde, weil der Mensch in seinem
innersten Empfinden derart abhängt von der Sonne, daß
er sie auch in seinen künstlich erleuchteten Räumen zum
Ausdruck wünscht. Wie die zerstreuende Wirkung, die das
Aufhängen von vielen Lichtkörpern an einzelnen Leitungs-
fäden eine erregende unruhige Wirkung erzielt, so wirkt
im Gegenteil die zentrale Lichtquelle beruhigend auf den
Menschen und das ist eine unbedingte Forderung an einen
guten Lichtkörper. Zudem ist der Leitungsfaden weder

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