Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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ein künstlerisch wirksames Motiv, noch kann er durch
Massenaufhängung nebeneinander zu einem solchen ge-
macht werden, es zerschneidet immer haarscharf die Linien
der Architektur. Es gibt natürlich Fälle, wo von der ein-
fachen Leitungsschnur Gebrauch gemacht wird, aber meistens
aus Zweckmäßig- und Billigkeitsgründen, und da soll man
nichts anderes verlangen.

Was die praktische Ausführung einer solchen zentralen
Lichtquelle anbelangt, so ist nun, von der stabilen zum
tragenden Mittelkörper verlängerten Aufhängung einmal
ausgegangen, hier die feinste Wirkung möglich, wenn diese
Aufhängung zum Ausgangspunkt künstlerischer Erwägung
gemacht wird, ebenso der Mittelkörper, der dem Künstler
den freiesten Spielraum gibt, die Lichtpunkte zu gruppieren,
und mit matten oder ovalen Gläsern das scharfe Licht des
glühenden Drahtes abblendet. Auf dieser Grundlage ist
ein guter brauchbarer Beleuchtungskörper möglich — oder
auch nicht — je nachdem wer ihn macht.

Was die architektonische Wirkung anbelangt, muß ich
Herrn Dr. Neuburger sagen, daß ich ganz anderer Meinung
bin. Einen Gegenstand, den wir immerfort vor Augen haben,
wie den Beleuchtungskörper, sollten alle, ganz besonders
die Architekten ihre Aufmerksamkeit schenken, denn wir
dulden kein Bild oder Gegenstand im Räume, der unser

Auge beleidigt oder langweilt, lassen aber die fadesten
Lichtkörper uns ständig vor der Nase baumeln, weil, wie
Herr Neuburger sagt, der Körper nur bei Tag zur Geltung
kommt, aber bei Licht nicht zu sehen sei. Ganz im Gegen-
teil kommt ein guter Beleuchtungskörper erst angezündet
zu seiner vollen Geltung, und es soll unser Bestreben sein,
immer mehr dahin zu arbeiten, diesen auf ein Niveau zu
bringen, das wir von einem Bild oder sonst einem Kunst-
werk verlangen. Auch die Sorge, daß durch eine zentrale
Beleuchtung dunkle Ecken entstehen, kann ich nicht teilen,
wenn die Lichtstärke der Kerzen sorgfältig ausgewählt ist.
Man nimmt als Minimum 10 Kerzen für den Kubikmeter,
was einer gleichmäßigen Helle jedes nicht mit komplizierten
Ecken versehenen Raumes genügen wird. Sind solche vor-
handen, so wird man zum transportablen Körper greifen,
da die Stechdosen sich überall anbringen lassen. Bei großen
Räumen vermeide man eine Verzettelung des Lichtes in viele
Punkte, da dies immer unruhig wirkt, ausgenommen natür-
lich, wo praktische Erwägungen anderes fordern, das wird
aber immer auf Kosten dieser gleichmäßig konzentrierten
Lichtquelle entstehen, die immer den stärksten künstlerischen
Ausdruck des Lichtes gibt, für sich selbst und vor allem
im Zusammenklang von Licht und Raumwirkung.



KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







LITERATUR

Gottfried Heinersdorff, Die Glasmalerei. Ihre Technik
und ihre Geschichte. Mit 159 Abbildungen. Mit einer
Einleitung und einem Anhang über moderne Glasmalerei
von Karl Sckejfler. Berlin, Bruno Cassirer, 1914.
Mit alter Glasmalerei hat man sich eingehend erst be-
schäftigen gelernt, als die Photographie die enormen
Schwierigkeiten der Aufnahme völlig überwunden hatte.
Und merkwürdigerweise fällt in die gleiche Zeit die Er-
neuerung des künstlerischen Glasfensters in Deutschland.
Während in den letzten Jahren die wissenschaftlichen Unter-
suchungen über einzelne Landesteile sich häuften und die
großen reich illustrierten Kataloge des Berliner Kunstge-
werbemuseums (von Schmitz) und des Bayerischen National-
museums (von Schinnerer) das Material verschwenderisch
herbeischaffen, ist in dem vorliegenden Bande von beruf-
licher Seite alles zusammengefaßt, was gut ist zu wissen
von alter und neuer Glasmalerei. Die knappe und an-
schauliche Entwicklung der edlen Kunst bis zu ihrem Ab-
sterben im 17. Jahrhundert und ihre Technik sind von
Heinersdorff, dem bekannten Berliner Glasmaler, behandelt;
ihr Wiederaufblühen seit wenigen Jahren von Karl Scheffler.
Man kann sich keine faßlichere und vornehmere Einführung
in die Kunst des Glasfensters wünschen, und die vorzüg-
lichen Abbildungen geben einen vollen Begriff von der
gesamten Entwicklung in Deutschland und Frankreich
(andere Länder kommen bekanntlich kaum in Betracht).
126 Abbildungen gelten der alten, 29 der heutigen Kunst.
Da von den beiden Autoren in berechtigter Zurückhaltung
gar nichts über die Tätigkeit Heinersdorffs gesagt wurde
und das Buch demgemäß eine kleine Lücke enthält, so sei
diese hier ausgefüllt.

Wenn jemand berufen war, etwas Maßgebliches über
Glasmalerei zu sagen, so ist es Heinersdorff; und schon
um deswillen ist das Werk aufs angelegentlichste zu emp-
fehlen. Denn Heinersdorff, der selber in Berlin der
Schöpfer und Leiter einer unserer größten Institute für

Glasmalerei ist, muß als der eigentliche Erneuerer des mo-
dernen deutschen Glasfensters betrachtet werden. Nicht
zufrieden damit, die Schönheit und Farbenglut gotischer
Scheiben mit wunderbarer Treue wieder erreicht zu haben,
setzte er es sich in den Kopf, Fenster von neuzeitlichem
Gepräge zu schaffen, indem er die rechten Künstler heran-
zog. Mit dem Scharfblick des geborenen Organisators
suchte er sich seine Künstler da heraus, wo ein wahrhaftes
künstlerisches Verständnis nötig war, sie auch nur zu ver-
stehen, ein untrüglicher Instinkt aber, in ihnen die Schöpfer
eines wahrhaften Glasfensterstiles zu ahnen. Unter den
»Jüngsten« waren es namentlich Pechstein und Thorn-
Prikker, dann Cäsar Klein und Bengen, die in Heiners-
dorffs Auftrag Fenster entwarfen und damit eigentlich das
Beste ihres Künstlertunis entdeckt haben. In erster Linie
ist Thorn-Prikker dadurch zu einem unerwartet großen Stil
geführt worden, und seine Monumentalfenstcr für den
Hagener Bahnhof und eine katholische Kirche werden — so
hoffen wir — einst als der Ausgangspunkt einer neuen
Epoche feierlicher Flächenkunst in Glas angesehen werden
können. Von ihnen gewinnt man in den Abbildungen eben-
so eine auf Schwarz-Weiß zurückgeführte Vorstellung wie
von der Mannigfaltigkeit der Bestrebungen dieser Art unter
den anderen Künstlern. Paul F. Schmidt.

Neujahrskarten nach Entwürfen von Martin Jacoby-Boy,
Walter Buhe, F. H. Ehmcke, Heinz Keane u. a. Verlag
des Papier-Ausstattungs-Hauses Max Krause in Berlin.
Zunächst liegen sechs Karten von Jacoby-Boy vor, in
denen der Künstler dem Publikum den Übergang von der
regellosen Überladenheit zur ornamentalen Übersichtlich-
keit und formalen Klarheit zu weisen sucht. Symbolik, Ro-
mantik und Sentimentalität sind ebenso wie gezierte Ein-
fachheit und geschäftsmäßige Nüchternheit ausgeschaltet.
Jacoby-Boy hält mit seiner drastischen, barocken Buntheit
die richtige Mitte, so daß die ausgesprochene Absicht, den
Schund zu bekämpfen und durch eine vorsichtige gemessene
Dosis des Besseren zu verdrängen, sicher erreicht werden

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