Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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wenn so die schwierigste und langjährige Erfahrung voraus-
setzende Aufgabe des Kunstschmiedes beseitigt wird —
denn Herr Richter bezeichnet selbst das autogene Schweißen
von Kunstschmiedearbeiten als leicht —, sich ihm Elemente
zugesellen werden, die weder die Fähigkeiten noch den
Ehrgeiz besitzen, an der Vervollkommnung seines Berufes

mitzuwirken. Ein schlechter Feuerschweißer ist meist ein
schlechter Schmied überhaupt und darum ungeeignet zum
Kunstschmiedeberuf. Herr Oberlehrer Richter, der Tech-
niker, hat eben vermutlich für die Gefahr der herein-
brechenden Wölfe nicht die feine Witterung des Kunst-
schmieds Lauterbach.

HAMBURGS STELLUNG IN DER PFLEGE DES KUNSTGEWERBES

DIE Kölner Ausstellung des »Deutschen Werk-
bundes« ist so recht eine Tat des deutschen
Bürgertums gewesen, — das kommt immer
mehr zum Bewußtsein, je weiter der Strom der Zeit
uns dahinträgt und in der Entfernung einen runderen
Überblick gestattet. Die stolze Stadt Köln, die kurz
vorher einen vorzüglich »illustrierten« Ausstellungs-
bericht über ihr klug organisiertes Großmachtwerden
gegeben hatte, wollte zeigen, was ein großes Verkehrs-
zentrum in der Kulturpflege vermag, wollte beweisen,
daß die Förderung des zur Kunst entwickelten Ge-
werbes eine der vornehmsten Aufgaben der Stadt-
verwaltungen geworden ist. So lud Köln die großen
Schwesterstädte zum Wettbewerbe ein.

Sie kamen und gaben, was sie konnten. Nur
scheinbar stellten sich auch »Länder« ein, scheinbar,
weil das, was in künstlerischen Dingen in Bayern,
Sachsen, Württemberg, Schlesien geschieht, nicht ohne
Ausstrahlung von München, Dresden, Stuttgart und
Breslau möglich und denkbar ist. Es ist die alte
Kunststadt München, die moderne Ausstellungsstadt
Dresden, an die wir denken und von denen wir wissen,
daß in ihnen die Pflege aller dieser Dinge längst in
die Hände der Stadtverwaltungen übergegangen ist,
mag das bayrische Kunstgewerbe auch noch das Ge-
präge des Ländlich-Primitiven, das sächsiche die Merk-
male des barocken Königsstiles an sich tragen.

Hamburg war von jeher die Bürgerstadt und nichts
als diese. Stadt und Staat, Zentrum und Hinterland
sind längst zur Einheit verschmolzen; jeder Bürger
ist »Vierländer« und städtischer Kulturträger zugleich.
(Justus Brinckmann war auch darin ein typischer Ham-
burger.) In drei Faktoren teilte sich die Kunstpflege
in Hamburg, in die Kunsthalle, das Kunstgewerbe-
museum und die Kunstgewerbeschule. Trotz dieser
Teilung erschienen die drei Faktoren als homogenes
Gebilde und ihre Leiter: Justus Brinckmann, die Pracht-
gestalt eines universalen Menschen, Alfred Lichtwark,
der feinfühlige Ästhet, und Richard Meyer, der ener-
gische Organisator, waren sich ähnlich geworden in
dem unablässigen Streben für Hamburgs Ruhm und
Größe.

So kam es, daß Hamburg in Köln die beste und
abgeklärteste Stadtausstellung bot. Trotz einiger Schwie-
rigkeiten »hinter den Kulissen« zuerst eröffnungsbereit,
im Einzelnen einwandfrei und auch im Ganzen ein
Kunstwerk. Das war für viele eine Überraschung, da
Hamburg bei ähnlichen Veranstaltungen noch selten

geschlossen aufgetreten war, auch, im Vergleich zu
München und Dresden, nicht als Ausstellungsstadt an-
zusprechen ist, und man daher die Ausstellungstechnik
nicht bei ihr voraussetzen mochte. Wer näher orientiert
war, wußte, daß mit dem organisatorisch geschulten
Geist der Hamburger viel zu erreichen ist, wenn nur
tüchtigen und zielbewußten Männern die Leitung über-
tragen wird, wie es bei der Hamburger Repräsentation
in Köln mit dem begabten und selbstlos nur für die
Sache handelnden Hans Heller geschah.

In dieser selbstgeschaffenen, charakterbildenden
Disziplin möge uns der Bürgergeist Hamburgs bei
künftigen Veranstaltungen, auch bei solchen größeren
Stils vorbildlich sein. Man erwirbt ihn nicht von
heute auf morgen! Wie er in Hamburg entstand?
Man sehe die Sammlungen und Kataloge Brinckmanns,
in denen alles Zeit hatte mit synthetischer Klarheit
zu wachsen, weil sich die ganze unermüdliche Lebens-
arbeit eines hochbedeutenden Mannes selbstlos in die
Dienste der aus kleinen Anfängen entstehenden Aufgabe
stellte. Man sehe die mit unendlicher Liebe gepflegte,
ergänzte und gefeilte Kunsthalle Lichtwarks und er-
innere sich, daß die, fast schon einen Hochschulcharakter
tragende, stattliche Kunstgewerbeschule als bescheidene
Zeichenlehranstalt begann und noch als solche in
unserer Erinnerung ist. Daneben sei nicht die stillere
Tätigkeit des Kunstgewerbe-Vereins vergessen, in dem
die Wellen dieses Geistes konzentrisch erweitert und
an fernere Ufer getragen wurden.

So sehen wir Ausstehenden Hamburg, und so kam
es, daß seine Räume in Köln einen wohltuenden Ruhe-
punkt in der Erscheinungen Flucht bildeten. Wir
wollen los von der äußerlichen Ausstellungsmache,
wie sie teilweise in den bayrischen Räumen wieder
geübt wurde, in denen das aus Durchschnittsläden
sattsam bekannte Sammelsurium der Vereinsmeierei zu
sehen war, wir wollen auch nicht mehr die Art von
Ausstellungsorganisation, wie sie in Köln angewandt
wurde, indem man den ursprünglichen Gesamtplan,
mangels einer vorher getroffenen grundlegenden Dis-
position, fortwährend, bis zur Unkenntlichkeit er-
weiterte, sondern wir wollen diejenige Zurückstellung
selbst von scheinbar berechtigten Ansprüchen, die allein
den erstrebten Gesamteindruck ermöglicht.

F. HELLWAG.

(Unser vorliegendes Heft bringt Abbildungen von Einzel-
gegenständen, die im Räume der Stadt Hamburg in Köln
ausgestellt waren.)

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