Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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DIE KUNSTGEWERBLICHE ABTEILUNG

AN DEN TECHNISCHEN LEHRANSTALTEN

ZU OFFENBACH A. M.

D

VON Dr. PAUL F. SCHMIDT, OFFENBACH

IE Einweihung des Neubaus der Technischen Lehranstalten in
Offenbach, die im Januar 1913 mit einem Festspiel von statten
ging, lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf diesen Bau und
die Institute, die er beherbergte, und von denen die Kunstgewerbe-
schule als das künstlerisch wichtigste erscheint. Der Bau war nach den
Plänen des Direktors Prof. Hugo Eberhardt errichtet worden. Als ein
rühmliches Beispiel für Einsicht in stadtbauliche Bedürfnisse, welches
die aufstrebende Industriestadt Offenbach gab, war er nicht an einen
beliebigen Platz gekommen, sondern als architektonische Ergänzung
dem Schloßplatz angefügt worden. Bisher stand das alte Isenburger
Schloß, ein Renaissancebau aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts,
mit seiner der Stadt zugekehrten heiteren Arkadenreihe in drei Ge-
schossen, isoliert, bedrängt durch armselige kleine Häuser. An deren
Stelle traten nun die Technischen Lehranstalten, mit zwei rechtwinklig
aneinanderstoßenden Flügeln, das Schloß vor der Stadt gleichsam
schützend und mit ihm einen Hof von prächtiger Wirkung bildend, in
dem die zierliche Arkatur des Schlosses erst voll zur Geltung kommt.
Die vierte Seite dieses Hofes steht noch offen und soll dereinst durch eine Kunsthalle geschlossen werden.
Aber auch jetzt bietet der ganze Komplex ein Bild vollkommener Harmonie alter und neuer Architektur und ein
wundervolles Beispiel, welche stadtbaulichen Schönheiten sich durch weise Mäßigung und Anpassen, nicht
etwa an den Stil des Alten, sondern an die gegebene Situation erreichen lassen. Denn der Baucharakter der Tech-
nischen Lehranstalten ist ein von dem Isenburger Schloß völlig abweichender, ja fast ihm entgegengesetzt: an-
statt der zierlichen Auflösung der Arkadengeschosse erblickt man hier eine kompakte wuchtige Masse von
glatten Mauern und schweren Dächern, deren Gliederung in einem großzügigen Rhythmus vor sich geht, und
deren Schmucklosigkeit etwas ganz Sachliches, Modernes bedeutet. Daß bei dieser Schmucklosigkeit die eigent-
liche tektonische Massendisposition den Bau lebendig und geistreich erscheinen läßt, und daß sie, an ein oder
zwei bedeutsamen Stellen durch sparsame Ziermotive unterbrochen, nur um so harmonischer wirkt, versteht
sich bei der architektonischen Gesinnung Eberhardts von selbst. Das Wundervollste bleibt immer die Über-
einstimmung mit dem Alten: erst wenn man durch die kraftvoll überwölbte Unterfahrt in den »Hof« getreten
ist, entwickelt sich überraschend der Blick auf das Schloß, das so wieder den für seine feine Gliederung
notwendigen nahen Standpunkt des Betrachters zugewiesen bekommt.

Enthalten die Technischen Lehranstalten auch neben der Kunstgewerbeschule noch eine Baugewerk-
und Maschinenbauschule, so bildet doch die erste den weitaus interessan-
testen Bestandteil, schon weil sie von Eberhardt, seit nunmehr sechs
Jahren verwaltet, auf eine ganz veränderte, wesentlich erweiterte und
modernere Grundlage gestellt worden ist. Da viele der künstlerisch ar-
beitenden Klassen noch jungen und jüngsten Datums sind, so liegen viel-
fach erst die Anfänge von guten Leistungen vor; und manches ist mehr
danach zu beurteilen, was es für die Zukunft verspricht: aber das ist außer-
ordentlich hoffnungsvoll.

Aus der Baugewerkschule hat sich auch für die Kunstgewerbeschule
eine Architekturklasse entwickelt, die Goschenhofer mit sehr glücklichem
Erfolge leitet. Im Zusammenhang mit der Baukunst steht die Bildhauer-
klasse des Münchners Huber, deren Richtung auf architektonische Strenge
geht. Auf rein praktische Aufgaben arbeiten die Schriflzeichenklasse von
Rudolf Koch und der Fachkurs für Typographen unter Engel hin, beide
aus lokalen Bedürfnissen und Anregungen wie von selber erwachsen; da
denn auch die Maschinenbauschule in den Bedürfnissen der Offenbacher
Maschinenindustrie ihre Berechtigung findet, die Baugewerkschule einem
natürlichen, besonders in stark wachsenden Industriestädten vorhandenem
Bedürfnis. Einen Hauptbestandteil der Schule bildet naturgemäß die Lehre
in jeder Art von Flachornamentik. Außer Vorklassen für Gedächtnis-,
Geräte- und Pflanzenzeichnen unter Ziegler und Klein und für Akt- und
Landschaftszeichnen unter Wolf bestehen die drei Hauptklassen von
Francke, bei dem das Buchgewerbliche betont wird, Mizzi Vogl, die künst-

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