Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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vollster Herstellung machen, können mit geringer Mühe und
wenigen Bewegungen dieser primitiven Werkzeuge un-
mittelbar und schnell erzeugt werden.

Die beigegebenen Beispiele sollen keine Muster-
leistungen darstellen. Sie sind Produkte der freien Betätigung
der Schüler, die der direkten Einwirkung des Lehrers ent-
zogen waren. Ein vollständiges Bild vermögen sie weder
vom Unterricht noch von der Vielseitigkeit der Feder selbst
zu geben. In Wirklichkeit war es überraschend, welche
Fülle von Motiven sich ergab, und mit welchem Eifer die

Schüler sich in derJArbeit betätigten. — Auffallend ist es
nur, daß das praktische graphische Kunstgewerbe sich der
breiten Feder zur Erzeugung des Ornamentes so gut wie
gar nicht bedient und ebenso auffallend, daß ich auch
in den Museen aus älterer Zeit keine Ornamentik in diesem
Sinne fand.

Vielleicht ist es nicht verlorene Mühe und nicht über-
flüssig, auf die Kraft der breiten Feder als Medium des
Ornamentes für die Schule wie für das praktische Gewerbe
an dieser Stätte hinzuweisen.

WIRTSCHAFTSFRAGEN DES KUNSTGEWERBES
WÄHREND DES KRIEGES

VON HERMANN1WEISS-BERLIN

DURCH den großen europäischen Krieg ist manches
Bedeutsame, was im deutschen Kunstgewerbe vor-
her lebhaft besprochen wurde, ganz aus der Debatte
verdrängt worden. Außer den großen Zeitereignissen
nimmt jetzt die Sorge um die Existenz das Sinnen vieler
Kunstgewerbler in Anspruch. Vielleicht erkennt dadurch
jetzt mancher die große Bedeutung der Wirtschaftsfragen
im Kunstgewerbe, die im allgemeinen bei den Erörterungen
von Berufsproblemen den künstlerischen Fragen nachstehen
mußten. Sie waren aber mit ihnen immer eng verknüpft,
ja, sie sind meist sogar die Grundursache für das Auf-
kommen künstlerischer Streitfragen gewesen. So fand z. B.
in den Monaten vor dem Kriege eine heftige Auseinander-
setzung in einigen Kunstgewerbevereinen — besonders
aber in München — über die gegenwärtig herrschenden
künstlerischen Richtungen statt. Sie waren, genau besehen,
nur die Folge einer allgemeinen wirtschaftlichen Entwick-
lung. Die gleichen Ursachen, die dem wirtschaftlichen
Tiefstand des Kleingewerbes zugrunde liegen, wirken in
gleicher Richtung auch im Kunstgewerbe. Ihnen gegen-
über ist der Einfluß künstlerischer Strömungen auf die
wirtschaftliche Lage sehr gering. Die künstlerische Ent-
wicklung des Kunstgewerbes baut sich vorwiegend auf der
Basis des allgemeinen Wirtschaftslebens unserer Zeit auf.
An und für sich hat das deutsche Kunstgewerbe ohne
Zweifel im letzten Jahrzehnt nicht nur künstlerisch, sondern
auch wirtschaftlich einen großen Aufschwung genommen.
Die Nachfrage und der Konsum seiner Erzeugnisse sind
stark gestiegen, die Zahl der Beschäftigten hat zugenommen,
zahlreiche Betriebe vergrößerten sich und viele neue wurden
begründet. Nur der Anteil der verschiedenen Betriebe an
den Aufträgen war recht ungleichmäßig. Der Kleinmeister,
als Schöpfer von Einzelerzeugnissen, ist anscheinend auch
auf diesem, seinem natürlichsten Schaffensgebiete vom
Fabrikanten stark zurückgedrängt worden. Das mußte für
ihn in der Zeit der allgemeinen Wirtschaftskrise, die dem
Kriege unmittelbar vorausging, besonders fühlbar werden,
zumal in den Jahren des Aufschwunges die Zahl der Kunst-
handwerker über alle Maßen gestiegen ist. Die wirtschaft-
liche Entwicklung des Kunstgewerbes vollzog sich durch-
aus in den, auch in anderen Gewerben beobachteten Formen.
Die immer größer werdenden Betriebe beherrschten in der
Hauptsache den Markt, während die zahlreichen kleinen
Werkstätten keine ausreichende Beschäftigung fanden. Aber
die moderne künstlerische Bewegung reizte trotzdem zur
Neugründung zahlreicher Individual- und Kleinbetriebe,
ohne daß sich der Bedarf besonders an Einzelerzeugnissen
im gleichen Ausmaße steigerte.

Aber diese natürlichen Ursachen ihrer Existenzver-

schlechterung wurden von den Kunsthandwerkern wenig
erkannt. Man glaubte vielmehr, gewisse moderne artistische
Strömungen, wie den sog. Purismus u. dergl., die sich im
Kunstgewerbe unserer Tage eine feste Position erworben
hatten, für die schlechte wirtschaftliche Lage verantwortlich
machen zu müssen. — Die Folge davon war ein unfrucht-
barer Streit, der, da er eben, trotz ökonomischer Ursachen
um künstlerische, anstatt um Wirtschaftsfragen geführt
wurde, unangenehme Formen annahm. Wenn er jetzt
unter den tiefen Einwirkungen des Krieges auf das ganze
Kunstgewerbe verschwunden ist, so ist wohl auch die
Hoffnung berechtigt, daß er wohl gar nicht erst wieder in
dieser Form auftauchen wird, wenn sich die Lage geklärt
hat. Dann werden jedenfalls auch die wahren Ursachen
immer deutlicher hervortreten.

Aus einer ähnlichen Verkennung der tatsächlichen
Verhältnisse entwickelten sich auch die Debatten, die sich
an den Vortrag von H. Muthesius auf der Kölner Werk-
bundtagung anschlössen. Was für Muthesius mit Recht
nur eine volkswirtschaftliche Frage war, wurde von seinen
Widersachern zu einem Streit um ein künstlerisches Problem
umgedeutet. Die »Typisierung« der Produktion — eine
ganz natürliche, volkswirtschaftlich gut begründete Forde-
rung — die in einem bestimmten Entwicklungszustand er-
füllt wird und erfüllt werden muß, wurde einfach zum
Todfeind des künstlerischen Schaffens erklärt.

Beide Vorkommnisse lassen erkennen, daß das tiefere
Eindringen in die volkswirtschaftlichen Probleme unserer
künstlerischen Produktion auch für den Kunstgewerbler
eine sehr wichtige Angelegenheit ist.

Wenngleich nun jetzt, wo das ganze Kunstgewerbe
unter den schrecklichen Folgen des Krieges so schwer zu
leiden hat, solche Auseinandersetzungen von selbst auf-
hören, ist es doch der Zukunft wegen am Platze, ihre tiefer-
liegenden Ursachen, die auch heute noch wirken, nicht
ganz aus dem Gesichtskreis zu verlieren. Wir wissen heute
noch nicht, wie sich die politischen Verhältnisse entwickeln
werden. Aber wir hoffen alle auf einen siegreichen Aus-
gang unseres schweren Kampfes um die Existenz unseres
Vaterlandes. Und davon erwarten wir auch ein weiteres
Erblühen, ja eine dominierende Stellung unseres deutschen
Kunstgewerbes. Aber gerade im Hinblick auf die Zukunft
müssen wir jetzt alles tun, um auch auf diesem Kultur-
gebiete gerüstet und bereit zu sein.-------

Zunächst ist freilich die Sorge um die Erhaltung der
vielen Existenzen, die im Kunstgewerbe bisher tätig waren
und jetzt zu einem großen Teile ohne Arbeit und Ein-
kommen sind, brennender. Denn kaum ein anderes Ge-
werbe hat unter dem harten Drucke des Krieges auf die

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