Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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Arbeit bestimmt, sondern solche für große Leistungen
nur vorbereiten hilft. Die Freude am Kleinen, In-
timen ist deutsch, verzettelt sich darin aber ein Über-
schuß an Kraft, so ist das nicht mehr deutsch, sondern
internationaler Dilettantismus verdünnten Nichtstuns.
Auch wir haben, namentlich unsere Frauenwelt, lange
daran gekrankt, und erst der Krieg hat dagegen auf-
rüttelnd gewirkt. Wenn ich den deutschen Eigen-
schaften auch die Bescheidenheit, Uneigennützigkeit,
Anspruchslosigkeit und das Schöne der Bergpredigt
zu eigen spreche, so kann das. künftig auch sehr wohl
Geltung behalten, wenn damit kein Unfug getrieben
wird; vor allen Dingen nicht dem Auslande gegen-
über. Man kann bescheiden und klug, demütig und
stolz, fromm und lebensfreudig zugleich sein. Aber
die Tat, die Leistung muß der Beschaulichkeit und
dem Genießen gegenüber das Gewollte, das Inhalt-
liche des Lebens sein bis zur Selbsthingabe nicht
nur in den Stunden höchster Not, sondern höchsten
Glückes. Das hieße, deutsch sein unserer eigenen
Bestimmung, unserer angeblichen Weltbestimmung
nach. Seinen inneren Menschen finden, heißt Er-
ziehung, ihn durchsetzen, heißt leben, ihn für das
Größte des Menschseins hingeben, umfaßt die Er-

füllung des Deutschtums. Aber diese Erkenntnis darf
nicht in einem Rausche, nicht in einem Drange von
Leidenschaften über uns kommen, auch nicht in den
Stunden schwerster Not und der ersten Begeisterung
wie zu Anfang des Krieges, sondern sie muß ge-
boren werden und wachsen in jedem von uns schon
in den ruhigen Zeiten der Entwicklung, in dem Gegen-
einanderabwägen aller Volkskräfte. Mußte der Krieg
nicht erst kommen, um zu erfahren und zu fühlen,
was deutsch sein heißt in gläubigem, kulturellem,
politischem und wirtschaftlichem Sinne für Duldung,
Erziehung, Achtungerweisung und Wohltat!

Wird das später aufs neue bewiesen werden
müssen bei uns Wahrheit- und Schönheitsuchern durch
Leidensfreude und Welthunger hindurch? Werden
wir uns weiterhin für die Besten der Welt halten,
oder genügt es, die von uns auch fernerhin unbedingt
zu leistende Arbeit für so wertvoll und notwendig
zu erachten, daß sie zur Besserung aller Beziehungen
unter den Völkern beizutragen vermöchte? Was aus
deutscher Scholle erwächst, ist kosmopolitisch; wir
brauchen nur in höchstem Sinne leben zu wollen —
um deutsch zu sein. Dann bedarf es keiner be-
sonderen Aufzählung mehr, was deutsch ist!

KRIEGER-EHRUNG*)

VON ARCHITEKT BRUNO TAUT-BERLIN

DIE Aufopferung, Hingabe und Treue der Soldaten
in allen Kämpfen, Strapazen und Leiden ist der
Dankbarkeit des ganzen Volkes würdig. Man darf
sagen, daß sie ihnen entgegengebracht wird. Die Frage
ist heute nur, welchen Ausdruck dieser Dank finden soll.
Dem Einzelnen, welcher von echter Dankbarkeit erfüllt ist,
kann das Verlangen nach einem sichtbaren Ausdruck seiner
Empfindung schon eine Profanierung der [ursprünglichen
Herzensregung bedeuten. Für ihn behält der Ideenkreis,
der sich um eine ihn verpflichtende Tat bildet, eine so
lebendige und Neues schaffende Kraft, daß ihm der allzu
hartnäckige Kult mit den einmal dagewesenen Dingen fast
wie eine Versündigung gegen das übernommene Vermächt-
nis erscheinen muß. »Laßt die Toten ihre Toten begraben!«
Das Empfinden eines Volkes als Gesamtheit ist nicht
mit dem subtilen Maßstabe zu messen wie das des Ein-
zelnen. Hier geht alles ins Breite. Die Verpflanzung der
großen Erlebnisse eines Volkes in spätere Generationen,
die Schaffung und Erneuerung der Tradition spielt hier
eine wichtige Rolle. Was die Lebenden nicht mehr münd-
lich bezeugen können, das soll aus Dichtung und Kunst
zu den Nachkommen sprechen. Die Architektur muß dabei
an erster Stelle stehen; denn kein künstlerischer Vorgang
wird so wie sie von der Gesamtheit getragen. Sie ist am
ehesten dazu berufen, die Wünsche und Empfindungen des
Volkes aus ihrem latenten Dasein herauszuheben und in
neue Formen zu gießen. Deshalb fallen unter den bildenden
Künstlern dem Architekten die wichtigsten Aufgaben zu.
Er soll das Verlangen nach Erinnerungsmalen, Krieger-
denkmälern und ähnlichem erfüllen, dann aber auch Bauten
aufführen, die als besondere Konsequenz der Kriege entstehen.

*) Aus der Denkschrift »Unsern Invaliden Heim und
Werkstatt in Gartenstädten«, herausgegeben von der Deut-
schen Gartenstadt-Gesellschaft Berlin-Grünau. Preis 1.50 M.

Bei den Denkmälern hat es der Architekt mit einer
harten, steinharten Nuß zu tun. Bis jetzt ist es keinem
gelungen, diese Nuß zu knacken. Alle Denkmäler aus
neuerer Zeit, in erster Linie die vielen Bismarckwarten
und -türme, erscheinen heute nach dem überwundenen
Begeisterungsrausch matt. Sie berühren den feiner emp-
findenden Menschen peinlich und quälend. Die Bemühung
der vielen Architekten, der ganze Aufwand, alles ist für
etwas vertan, was nie leben kann und zu ewiger Toten-
starre verdammt ist.

Diese Dinge sollten jeden zu der Erkenntnis leiten,
daß der Architekt keinen Wunsch erfüllen kann, der nicht
vom Leben selbst hervorgerufen ist. Dies ist so zu ver-
stehen, daß sich alles, was gebaut wird, auf eine Handlung,
auf das Tun der Menschen beziehen muß. Vor jeder Auf-
gabe, die nicht von einer solchen Bestimmung getragen
ist, muß der Architekt ratlos stehen. Verlangt jemand
von ihm, er solle irgendeine bloße Idee, wie es auch die
Erinnerung an irgend etwas ist, in architektonischen Formen
ausdrücken, — nun so verlangt er von ihm, er solle sich
selbst aufgeben. Die Architektur ist schon in ihren Formen
abstrakt und drückt von selbst die Zeitideen aus. Daß sie
aber mit ihren abstrakten Mitteln lediglich abstrakte Be-
griffe verkörpern soll — das ist doch ein unerfüllbares
Verlangen.

Man beruft sich auf alte Beispiele, die alten ägyptischen,
griechischen, römischen, indischen, germanischen Monu-
mente und ähnliches. Es verhält sich da eben ganz und
gar anders, als mit unsern Völkerschlacht-, Bismarck- und
Kriegerdenkmälern. Dort handelte es sich mit Ausnahme
der religiös sinnbildlichen Monumente und der Standbilder,
die hiermit nichts zu tun haben und ins Gebiet der Plastik
gehören, immer um die Erfüllung eines präzis formulierten
menschlichen Zweckes. Grabkammer, Tempel, Altar, Opfer-
hain, Tor und Triumphbogen, Wegzeichen, Befestigung,

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