Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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NEUE SPITZEN VON
ELSE VOGEL, FREIBERG I. SA.

KUNSTSEIDE ALS ERSATZ
FÜR NATURSEIDE

ES interessiert gewiß in unserer Zeit der
Webstoffnöte die wohl noch manchem un-
bekannte Tatsache, daß seit Jahren daran
gearbeitet wird, an Stelle der Naturrohseide ein
maschinelles Produkt — die Kunstseide (Kollodium-
seide, Zelluloseseide, Imitationsseide) zu setzen,
die an Qualität ersterer gleichkomme. Was für
Möglichkeiten hier noch Wissenschaft und Technik
den Weg ebnen möchten, bleibt abzuwarten. Wie
stark diese Industrie aber bereits vor dem großen
Kriege war, beweist die Statistik der Welt-Jahres-
produktion von Kunstseide, die sich auf annähernd
1 Million kg belief!

Den verschiedenen Herstellungsverfahren von
Kunstseide liegt allgemein der Gedanke zugrunde,
die die Hauptbestandteile jeden Pflanzenkörpers
(Baumwolle, Nadelhölzer und Laubhölzer wie
Birke, Linde, Zitterpappel, Buche usw.) bildende
Zellulose in lösliche Form zu überführen, die er-
haltene Lösung durch äußerst feine kapillare Öff-
nungen zu treiben und durch Beseitigung der
Lösungsmittel den Faden unmittelbar nach dem
Austritt zum Erstarren zu bringen.

Der Gedanke geht bis auf Reaumur (1734)
zurück. Dem Grafen St. Hilaire de Chardonnet
gelang es aber erst, die Erfindung nutzbar zu
machen. Anfang der achtziger Jahre vorigen Jahr-
hunderts stellte er ein Gespinst her, das an Fein-
heit dem Gespinst des Maulbeerspinners nahekam
und dessen hohen Glanz besaß. Aber erst nach
Beseitigung der hohen Feuergefährlichkeit des
Produkts vermochte Kunstseide Eingang in die
Textilindustrie zu finden.

Der Zusammensetzung der Lösung entsprechend
gibt es verschiedene Methoden der Herstellung.
Eine der gebräuchlichsten ist die auf der Erfin-
dung von Chardonnet beruhende (welche kar-
dierte Baumwolle benutzt). Die Zelluloselösung
wird durch Schwefel- und Stickstoffsäuren her-
gestellt. Daraus entsteht die Nitrozellulose, welche
in einer Mischung von gleichen Teilen Spiritus
und Äther (zu der häufig noch andere Stoffe wie
Harze, Öle, Fischleim treten) lösbar ist. Das Er-
gebnis ist eine syrupdicke zähe Flüssigkeit, das
Kollodium — daher Kollodiumseide. Die gereinigte
klare Lösung wird filtriert, sodann in ein mit
einer Anzahl haarfeiner Glasröhrchen ausgestatte-
tes verschlossenes Gefäß getan und unter hohem
Druck (40—60 Atmosphären) herausgetrieben. Die
dünnen Glasröhren sind von weiteren Röhren
umgeben, durch die fortwährend kaltes Wasser
fließt. Die Kollodiumfäden erstarren dadurch
sofort und werden auch gleichmäßig vom Stickstoff
befreit. Die aus den Düsen kommenden Flüssig-
keitsfäden (10—30 nebeneinander) kommen infolge
starker Kohäsionsfähigkeit in enge Berührung zu-
einander und können zu einem festen Faden zu-
sammengedreht werden.

Das Befreien von Stickstoff (Denitrisieren) ist
sehr wichtig, um die Explosionsgefahr zu beseitigen

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