Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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das Ausländische und für Stilmöbel und ähnliches stützten,
gern auch mit ihr aussöhnen. — —

Schließlich sei auch noch auf das Gebiet der Mode
hingewiesen, wo sich jetzt eine einzigartige Gelegenheit
für uns bietet, uns von Paris unabhängig zu machen. Es
muß möglich sein, durch das vom Deutschen Werkbund
propagierte organisierte Zusammenwirken der Interessierten
nach und nach einen starken Erfolg zu erzielen. Wenn
die deutschen Konfektionäre mit den Stoff- und Spitzen-
fabrikanten und den Erzeugern der übrigen Modeartikel in
eine zweckmäßige organisatorische Verbindung gebracht
werden, die von Paris unabhängig ist, ohne aber die von
dort kommenden Ideen und Anregungen für die internationale
Mode völlig zu ignorieren, dann kann sicher etwas Gutes
dabei herauskommen. Was Deutschland bisher an mode-
bildenden und -erzeugenden Kräften und Veranstaltungen
noch nicht aus sich selbst heraus entwickelte, das kann es
zunächst durch ein gutes organisiertes Zusammenwirken
aller beteiligten Kreise ersetzen. Selbst der vielfach be-
hauptete Mangel an einigen Hilfsindustrien ließe sich bald
beheben, denn wir haben in Deutschland und Österreich
Betriebe genug, die nur weiter ausgebaut zu werden
brauchten, um auch diesem Bedarf zu genügen.

Das Hauptgewicht liegt bei der Schaffung einer
deutschen Mode nicht etwa allein auf den Gebieten künst-
lerischer Geschmacksfragen, sondern weit mehr noch auf
volkswirtschaftlichem Boden. Gerade jetzt am meisten. —
Die Konfektion und die Hilfsindustrien der Mode beschäf-
tigen eine ungeheure Menge von Menschen, die zu einem
großen Teile durch die jetzige Geschäftsstockung in eine
üble Lage geraten sind. Je eher es gelingt, Verein-
barungen über die Neumusterung zu treffen, und je mehr
hierbei möglichst alle in Betracht kommenden Industrien
berücksichtigt werden, um so besser ist es für die Allge-
meinheit.

Die Unabhängigkeit gewinnt gerade auch nach dieser
Richtung hin eine größere Bedeutung. Bis jetzt mußten
wir es immer erleben, daß durch die Willkür der Mode
ganze Industrien mit Tausenden von Arbeitern und An-
gestellten oftmals auf Jahre hinaus völlig lahmgelegt
wurden und sich manchmal überhaupt nicht wieder er-

holten. Sie waren vorher vielleicht durch die Mode gerade
hervorragend begünstigt worden und auf dem Gipfelpunkt
ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Das Wohl ganzer Ort-
schaften und Landstriche hing von ihrem weiteren Ge-
deihen ab, weil sich ihr das Gros der arbeitenden Be-
völkerung zugewandt hatte.

Das liegt gewiß im Wesen der Mode, und es wird
kaum möglich sein, solche schlimmen Folgen völlig aus-
zuschalten. Aber bis zu einem hohen Grade können die
Härten des plötzlichen Modewechsels durch eine gut
zusammenarbeitende Organisation der Modemacher und
Modeinteressenten wohl stark abgeschliffen und gemildert
werden. Besonders wenn wir nicht unbedingt den Pariser
Weisungen zu folgen haben, wird es leichter möglich sein,
die schroffen Übergänge von einer Materialmode zur andern
zu vermeiden, oder wenigstens durch zweckmäßige Maß-
nahmen zugunsten bestimmter Industrien auszugleichen,
ohne daß dem Wesen der Mode Gewalt angetan wird.
Eine gewisse Voraussetzung hierfür ist allerdings, daß die
Hilfsindustrien imstande sind, nicht nur künstlerisch, sondern
auch technisch außerordentlich vielseitig, wandlungs- und
anpassungsfähig zu sein. Dadurch kann das starke Ab-
wechslungsbedürfnis der Mode in hohem Maße befriedigt
werden, ohne daß gleich ganze Industrien völlig aufs
Trockene kommen. Dazu gehört freilich außer der guten
gemeinsamen Organisation für die Vorbereitung der Mode
das Durchdringen aller Hilfsgewerbe mit guten künstlerischen
und technischen, aber auch mit spekulativen Kräften. Denn
es muß viel Initiative entfaltet werden. Das was dort an
künstlerischen Kräften schon vorhanden ist, muß freier ge-
stellt, aber auch mehr und mehr künstlerischer geschult
und für die selbständige Verarbeitung neuer künstlerischer
Ideen reifer gemacht werden. Es muß überhaupt ein
besseres Verhältnis zwischen Kunst und Industrie geschaffen
und unterhalten werden, denn nur dadurch gelangen auch
wir zu einem größeren Ideenreichtum — der Vorbedingung
der Modeschöpfung.-------

Die gegenwärtige eigenartige Lage des Kunstgewerbes
bringt ganz bedeutende Probleme zur Reife. Es wäre
erfreulich, wenn ihre Bedeutung überall richtig erkannt und
die Situation entsprechend genützt würde.

DEUTSCHE SCHMIEDEFAUST! WEHRE DICH!

EINE ENTGEGNUNG

UNTER dieser Überschrift findet sich im »Kunst-
gewerbeblatt«, Heft 1, ein kurzer Artikel, der das
autogene Schweißen bei Kunstschmiedearbeiten in
Mißkredit zu bringen versucht, und der wegen seiner
Schärfe die Kritik herausfordert. Der Verfasser, ein Lehrer
der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Elberfeld,
bezeichnet das autogene Schweißen kurzweg als »eiserne
Papparbeit«. Ein solcher Ausspruch trägt dem Fortschritt
der deutschen Technik und den Wirtschaftsverhältnissen
nicht Rechnung; es ist um so wunderlicher, wenn er
aus dem Munde eines Lehrers einer mitten im Industrie-
gebiet liegenden gewerblichen Schule kommt. Der Kunst-
schmiederei nützen derartige Ansichten sicher nicht; eine
Schlosserei, die größere Schmiedearbeiten der gezeigten
Art nur mit Hilfe der alten Feuerschweißung herstellte,
würde zweifellos konkurrenzunfähig sein. Wer heute
Schmiedearbeiten von der wunderbaren Art, wie sie in
unseren Museen lagern, nur auf dem Amboß anfertigen

wollte, vergeudete seine Zeit. Ebenso wie kein vernünf-
tiger Mensch verlangen wird, daß das Rohmaterial für
Kunstschmiedearbeiten nach dem alten Herdfrisch- oder
Puddelverfahren gewonnen werden soll, und die Halb-
fabrikate keinem Walzwerk entnommen werden dürfen,
oder daß Waffen und Prunkgegenstände nach dem
Damaszener Verfahren angefertigt werden sollen, ebenso-
wenig kann man heute das autogene Schweißen bei Kunst-
schmieden verbieten. Neuerdings wird als feinstes Arbeits-
material für die besten Waffen Tiegelflußeisen verwendet,
und wenn im Laufe der Zeit ein gleichwertiges oder wert-
volleres Material gewonnen werden sollte, das sich billiger
herstellen ließe, so würde das Tiegelflußeisen von diesem
eben verdrängt, und das geschieht ja heute zum Teil schon
durch den Elektrostahl. Genau so ist's mit dem Verfahren
zur Verarbeitung der Materialien. Die autogene Metall-
bearbeitung ist eine vollwertige Arbeitsmethode zur Ver-
bindung bestimmter Metalle; in vielen Fällen wird sie die

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