Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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im Hintergrunde ein Schlachtenbild mit vorgehenden
Schützenketten und aufflammenden Dörfern sich ent-
faltet. »Schütze mit eiserner Hand, Michael, deutsches
Land; Schlage den Feind zurück, bring' uns Frieden
und Glück.« Ein gediegenes und würdiges Blatt
von starker ornamentaler und dekorativer Wirkung,
dem man nicht mit Unrecht etwas Altmeisterliches
nachrühmt. Die Nibelungentreue verherrlicht ein Ge-
denkblatt »Blutbrüderschaft« von Georg Trautmann.
Die im Kunstverlag Th. Lichtenberg (A. Koelsch) in
Breslau erschienene Originallithographie knüpft an
Worte aus der Thronrede vom 4. August an. »Ernst
und ritterlich, demütig vor Gott und kampfesfroh
vor dem Feinde«, wie es in den kaiserlichen Wor-
ten heißt, tritt der ritterliche Michael mit seinem
österreichischen Bruder dem furchtbaren Drachen-
ungetüm entgegen und trifft ihn mit mächtigem Schlag
auf die züngelnden Köpfe; es ist ein sehr temperament-
volles, ja dramatisches, trefflich umrahmtes und künst-
lerisch sehr rassiges Blatt. Gleichfalls das Bild des
Drachen beschwört E. Kämpffer auf seinem bei Wilh.
Gottl. Korn in Breslau herausgekommenen Gedenk-
blatt, das jene Worte zugrunde legt, die der Kaiser
am 31. Juli vom Balkon des Berliner Schlosses aus
sprach: »Man drückt uns das Schwert in die Hand . . .
mit Gottes Hilfe werden wir es so führen, daß wir
es mit Ehren wieder in die Scheide stecken können.«
In starker Bewegung, von der Helmzier umwallt,
reitet Sankt Michael gegen das Untier und stößt ihm
den heiligen Speer tief in den grausig weit geöffneten
Schlund. In zwei Gedenkblättern gibt Hugo Steiner-
Prag, der bewährte Vertreter der Buchkunst an der
Leipziger Akademie, Ausdruck von der tiefen deutschen
Bewegung gegen England. Auf dem einen der bei
Wezel & Naumann in Leipzig erschienenen Blätter
überschreitet der gepanzerte Michael den Kanal und
reckt sein flammendes Schwert über das Land der so
hassenswürdigen Vettern, auf dem andern tritt er in
goldener Rüstung der Schlange Albion entgegen, die
den Erdball umringelt hält, er trifft sie aufs Haupt
und ihr giftiges Blut rinnt in roten Tropfen in den
Weltraum. In ihrem farbigen Schmelz sind die beiden
Blätter von stärkster dekorativer Wirksamkeit. Zwei

wackere mannhafte Feldgraue, die hoch über deut-
schem Strom und Land die Reichsfahne wehen lassen,
stellte Prof. Paul Horst-Schulze auf einem schönen,
bei Rudolf Schick & Co. herausgekommenen Gedenk-
blatt dar; aller modernen Uniform zum Trotz spricht
aus den prächtigen Gestalten, wie sie plastisch im
Räume stehen, eine starke monumentale Wirkung.
Ein Kriegsgedenkblatt auf Grund eigenen Erlebens
schuf Erich Grüner: es sind die Ebenen von Flandern,
die so viel deutsches Blut verschlungen haben, auf
denen der Künstler einen Sturmangriff schildert, hoch
auf bäumen sich die Leiber der Angreifenden, im
Vordergrund stützt ein Soldat seinen getroffenen Ka-
meraden, hoch auf schlägt die Lohe aus dem Kampf-
feld gen Himmel und in schwärzlichem Gewölk ver-
dichtet sie sich zu dem Adler des Reiches, der scharf-
äugig seine Scharen überfliegt. Das in farbigem Druck
ausgeführte, bei E. A. Seemann erschienene Kriegs-
gedenkblatt ist ein herrliches Symbol der Kampfeslust
und todestreuen Kameradschaftlichkeit unserer Truppen.
Im Anschluß an diese Darstellungen mögen noch
zwei Gedenkblätter erwähnt werden, Ursteindrucke
von Bruno Goldschmitt, die Hans von Weber in
seinem Verlag hat erscheinen lassen: im einen Blatt
wird der geruhsame tätige deutsche Michel, zwischen
dessen Füßen es sät und hämmert, arbeitet und segelt,
von den haßverzerrten Wappentieren der Feinde
umfaucht, im andern scheucht er, gepanzert und das
Schwert in Fäusten, das geifernde Gewimmel weit
weg von der Stätte seiner friedlichen Tätigkeit.

So haben wir unter den Erscheinungen, die der
Krieg in unserer angewandten Graphik hervorgerufen
hat (auch der Dürerbund hat sich um Gedenkblätter
bemüht), zahlreiche sehr tüchtige mustern können;
neben den vielen graphischen Unerfreulichkeiten, die
uns beschert wurden, dürfte diesen Blättern ein
bleibendes künstlerisches Verdienst innewohnen, und
gerne läßt man in ihnen die symbolischen Gestal-
tungen an sich vorüberziehen, in denen Kinder und
Enkel lesen sollen, wie sich im Künstlerauge jener
große Krieg widerspiegelte, der von ihnen den Opfer-
tod eines Lieben bei der Verteidigung der Heimat, bei
der Schirmung des deutschen Vaterlandes verlangt hat.

IMPRESSIONISMUS UND RAUMKUNST

VON DR. P. F. SCHMIDT-LEIPZIG

DIE impressionistische Malerei ist ihrem Wesen nach
undekorativ, naturalistisch: sie gibt ein Stück Raum
mit Licht und zerteilten Farben, bis in die feinsten
Verzweigungen durchstudiert, aber ohne Rücksicht auf ein
übergeordnetes Ganze. Sie begnügt sich mit dem darge-
stellten idealen Raum und kennt nicht die Beziehungen auf
eine wirkliche Umgebung: und da ihr Trachten nur dem
eindringlich verarbeiteten Darstellen der Natur gilt und
der Bildrahmen ein imaginäres Weltbild als selbständige
Schöpfung umschließt, so kann dies Gebilde sich nur in
den seltensten Fällen einer Architektur dekorativ einfügen.
Auch die Erneuerung unseres Kunstgewerbes in der

Mitte der neunziger Jahre fiel in eine naturalistisch emp-
findende Zeit. Die Größe jener Bahnbrecher besteht darin,
daß sie überhaupt einmal ein künstlerisches Prinzip, aus
neuzeitlichem Geiste geboren, für die angewandte Kunst
aufstellten: denn diese hatte sich bis dahin völlig richtungs-
los an der bequemen Nachahmung alter Einzelformen ge-
nügen lassen. Der Mangel eines künstlerischen Prinzipes,
nicht nur Unwert und Unsachlichkeit der Imitationszeit ist
es, der ihre Produkte uns unerträglich macht. Das Prinzip
der Obrist, van de Velde, Pankok aber war durchaus natura-
listisch; im Ornament wie im Gebrauchsgegenstand hieß es
Ableitung aus der Natur (des lebenden Umbiides), dem

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