Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

Page: 154
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folge ihrer fäulniswidrigen Eigenschaften Verwendung finden.
Löst man Käsestoff, das techniche Kasein, in Kresol auf
und behandelt die Lösung mit Formaldehyd, so entstehen
unter bestimmten Bedingungen Lackharze, die in Spiritus
löslich sind. Diese Lösungen wirken stark fäulniswidrig,
die Aldehydharze verbinden sich mit dem Holzstoff und
verschließen die Poren. Die Maserung des Holzes wird
nicht im geringsten beeinträchtigt, dagegen erleidet die
Farbe des Holzes eine schwache Oelbtönung. Wertvoll
ist die schon nach kurzer Zeit bemerkbare Härtung des
Holzes, weil sie eine erhöhte Widerstandfähigkeit gegen
mechanische Einflüsse zur Folge hat. Meine Angaben
möchte ich durch einige Versuche, die ich ausführte, unter-
stützen.

1. Glatt gehobelte Bretter aus Ahornholz, Linden-,
Pappel- und Buchenholz wurden mit dem erwähnten Lack
angestrichen, der Anstrich nach dem Eintrocknen wiederholt.
Der Lack war selbst beim Buchenholz 12 Millimeter tief

eingedrungen, die Farbe der Oberfläche war schwach gelb-
lich, die Maserung trat stets scharf hervor. Charakteristisch
war die oberflächliche Härtung, welche nach Verlauf einer
Woche merkbar eintrat und im Laufe der nächsten Wochen
wesentlich zunahm.

2. Unbehobelte Bretter aus Fichtenholz und Lindenholz
wurden in zwei Stücke zersägt, die eine Hälfte erhielt einen
Lackanstrich. Nach zwölf Stunden wurden die Bretter in
gleichmäßig feucht gehaltene Komposterde eingegraben.
Die imprägnierten Bretter waren nach Verlauf eines halben
Jahres oberflächlich gehärtet, das Holz war vollständig un-
verändert; dagegen waren die nicht angestrichenen Brett-
hälften mit Würmern, Schnecken und Ungeziefer besetzt,
das Holz war mißfarbig, weich und zeigte deutlich die
Spuren beginnender Vermoderung.

Diese Versuche zeigen die Bedeutung der Aldehyd-
harzlacke, welche infolge ihrer fäulniswidrigen und härtenden
Eigenschaften Schellack und Kopallack weit überlegen sind.



KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







LITERATUR

In den Zeiten der Einkehr und des Zusammentreffens
der Kräfte schaut man weniger auf die Gipfel der Bäume,
sondern mehr auf deren Wurzeln. Gewiß hat das rein Zeit-
liche erhöhtes Interesse, aber über die Tageskost hinaus
verlangen wir doch ab und zu nach dem Historischen, nach
dem Erbe der Väter. Erfreulicherweise wird auch in diesen
Spalten immer wieder neben der Moderne darauf zurück-
gegriffen, weil wir uns auf die Dauer der Säfteströmung
jener Wurzeln doch nicht ganz entziehen können. Der ganz
von der Vergangenheit losgelöste Kunstgewerbler und
Zeichner ist auch künftig nicht denkbar. Er wird nach wie
vor auf die Geschichte seines Faches zurückgreifen müssen,
um allen Wünschen an die Gegenwart und Zukunft gerecht
werden zu können.

Es sei deshalb hier diesmal auf eine Reihe vorzüglicher,
geschichtlich behandelter kunstgewerblicher Sammelwerke
und Handbücher verwiesen, mit denen sich vertraut zu
machen mir eine Berufspflicht und Lebensnützlichkeit scheint.
Als eines der vortrefflichsten und ergiebigsten, das auch als
Sammel- und Quellen werk der Geschichte des Kunstgewerbes
innerhalb anderer kunstgeschichtlicher Veröffentlichungen
von weittragender Bedeutung und auch für Kunstfreunde
und Sammler hochwillkommen sein dürfte, sei das folgende
vorangestellt.

Illustrierte Geschichte des Kunstgewerbes, heraus-
gegeben in Verbindung mit Wilhelm Behncke, Wilhelm Braun,
Moriz Dreger, Otto von Falke, Josef Folnesics, Otto Kümmel,
Erich Pernice und Georg Swarzenski von Georg Lehnert.
Das ist eine glänzende Reihe hervorragender Mitarbeiter,
von denen viele zu den angesehnsten Museumsdirektoren
und Kunstgelehrten zählen. Das mit vielen Hunderten guter
Illustrationen und zahlreichen Tafeln ausgestattete Werk
hat in der Fach- und Tagespresse eine überaus lobende
Besprechung durch namhafte Fachleute gefunden, so daß
schon dieser Umstand genügen dürfte, dieses Werk auch
unsererseits allen Kunstgewerbezeichnern allerwärmstens
empfehlen zu sollen. Der gewaltige Stoff ist nach den kunst-
geschichtlich festgestellten Stilepochen gegliedert worden,
umfaßt also in zeitlicher Folge das Altertum, das Mittel-
alter, die Renaissance, das Barock und Rokoko, das Louis
seize und Empire und die Neuzeit. Besonders behandelt

wurden das Kunstgewerbe im Kulturgebiete des Islams und
das Kunstgewerbe in Ostasien. Die Unterkapitel aller dieser
Hauptabschnitte behandeln dann sehr eingehend die ein-
zelnen Länder und zum Teil auch einzelne Schulen, Meister
und Manufakturen. Der Hauptwert des Werkes besteht
eben in dieser vergleichenden Übersicht der Äußerungen
des Kunstgewerbes auf den wichtigsten Arbeitsgebieten,
so des Metalls, des Holzes, der Keramik, der Gewebe und
Teppiche, der Glasmalerei, des Kostüms, des Schmuckes
usw. Dieses Werk trägt eben der historischen wie geschmack-
lichen und technischen Weiterbildung der Kunstgewerbe-
treibenden in hohem Maße Rechnung, abgesehen davon,
daß das Abbildungsmaterial eine sehr wertvolle und gut
gewählte Vorbildersammlung birgt, die bis in die neueste
Zeit reicht. Das Werk, das zwei Bände mit zusammen über
1500 Seiten Lexikon-Format, 1500 Abbildungen und über
200 Tafeln, darunter viele farbige umfaßt, erschien im Verlage
von Martin Oldenburg-Berlin und kostet in zwei echt Ganz-
pergamentbänden nach Entwurf von Prof. Emil Orlik-Berlin
48 Mark. Auch ich kann die von Fachgenossen abgegebenen
Urteile nur in voller Übereinstimmung unterschreiben und
damit das kostbare Werk durchaus empfehlen.

Der besondere Wert solcher Sammelwerke besteht na-
türlich in dem Nebeneinander der verschiedenen Arbeits-
gebiete, also in der Möglichkeit der vergleichenden Arbeit über
ihre gegenseitige Beeinflussung, in dem eigentlichen Milieu
des Kulturlebens einer Zeitspanne. Holz, Metall, Keramik,
Gewebe haben eben für sich kein Sonderdasein geführt,
sondern waren voneinander abhängig, haben einander be-
einflußt. Das zu erkennen, tut auch unserer Zeit not, ja
jedem einzelnen, der sich gern außer Beziehung seiner Zeit
und seiner Umgebung setzen möchte. Das Kulturelle und
Zeitliche müßte eben mehr als bisher das Gemeinsame
werden. Für Schwache wie Starke wäre das in gleichem
Maße heilsam. Nicht daß große Ideen bestehen, sondern
daß sie von vielen getragen und verarbeitet werden, macht
ihren eigentlichen Wert aus. Auch unsere Berufsgruppen
sollten dessen eingedenk bleiben. Jeder in seinem Fache
ein tüchtiger Spezialist, und doch Versteher und Helfer für
das, was ihm für sein jeweiliges Berufsfeld die Befruchtung
und die Bestellung ermöglicht.

Die Sonderinteressen kommen dabei nicht nur nicht^zu
kurz, sondern finden bei solcher Gesinnung auch bei den

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