Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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die gesetzgeberischen Gedanken zu Ende zu denken. Ich erinnere mich, wie er bei einer Beratung die
Zaghaften überraschte, als er es für selbstverständlich erklärte, daß unser neues Kunstschutzgesetz das alte
Musterschutzgesetz überflüssig mache. Er hat auch mit grauen Haaren an die Jugend geglaubt; denn er
war ihr Lehrer, nicht ihr Schulmeister.

Ein Stück Lehrfreude lag auch der weitreichenden Arbeit zugrunde, die ihm in den letzten fünfzehn
Lebensjahren zu einem Lieblingszweck wurde: der Gründung und Leitung des Museumsverbandes zur Ab-
wehr der Fälschungen. Auch hier klare Ziele auf den einfachsten Wegen. Kein großer Verein, sondern
eine kleine Gesellschaft der berufenen Fachleute. Keine lauten Kongresse, sondern stille Versammlungen
ohne Feste, ohne Reden, ohne Familienanhang. Aber Arbeit bis ins Kleinste, wechselseitige Aufklärung mit
offenen Karten, ohne falsche Scheu; dazu gab Brinckmann stets selber das Beispiel. Er war Vorsitzender,
Geschäftsführer, Kassenwart, Redakteur; den weiten Briefwechsel pflegte er eigenhändig zu führen. Er hatte
den Verband begründet mit seinen Freunden aus Deutschland und den germanischen Nachbarländern. Dann
traten Kollegen aus Frankreich, England, Rußland hinzu. Aber der Sitz des Verbandes, die Geschäftssprache, der
Geist des Ganzen blieben deutsch, ohne daß je darüber ein Wort verloren wurde. Hier setzten deutsche Arbeit
und deutsches Wesen sich durch, lediglich kraft der positiven Leistungen und der Übermacht der leitenden
Persönlichkeit. Das Musterbeispiel einer nationalen Arbeit und ohne Widerspruch ein nationaler Erfolg im
tiefsten Sinne. Daß der Krieg so viele Freundschaften dieses seines Kreises jählings unterbrach, war ihm
ein bitterer Schmerz. Aber höher als das Fach galt ihm das Vaterland: sein letztes Wort ist eine Bitte um
Sieg über England gewesen.

Alles in allem ein Mann, der durch Geist, Gemüt und Willen ein Führer geworden wäre auf jedem
Arbeitsgebiete, das er gewählt hätte. Man kann ihn sich denken als Staatsmann, als Forscher, als Ingenieur,
als Industriellen, als Kaufmann: überall hätte er die Dinge und die Menschen beherrscht und zu seinen Zielen
gezwungen. Daß dieses Ziel das Kunstgewerbe geworden ist, ist eine Fügung, für die wir zu danken haben.
Dieses herzliche Dankgefühl klang aus den stimmungsvollen Ansprachen bei der Trauerfeier wieder, die am
12. Februar die leitenden Kreise Hamburgs und auswärtige Fachgenossen in seinem Museum vor seinem Sarge
vereinigte. Zugleich mit seinem Bilde war jedem der Redner auch die Gestalt Alfred Lichtwarks lebendig ge-
worden, den Brinckmann einst seiner Vaterstadt und uns allen gewonnen hatte, und der dem älteren Freunde
in der Festschrift zur Jubelfeier 1902 ein klassisches Denkmal gesetzt hat. Als der Sarg hinausgetragen wurde,
da liefen Ströme heißer Tränen über die mannhaften Züge der Aufseher des Museums. Sie sagten von dem
Menschen Justus Brinckmann mehr als alle Reden. Er war ein ganzer Mann. PETER JESSEN.

F. H. EHMCKE UND SEINE KUNST

VON Dr. FRITZ HOEBER-STRASSBURG I. E.

ES erscheint als ein wesentliches Charakteristikum Wortes umfassendster Bedeutung, noch ihrer neuzeit-
der modernen nutzkünstlerischen Bewegung, daß liehen Bildung harrte. Dieser Wille zur Architektur
sie vom Kleinen und Einzelnen zur Gestaltung wandelte das moderne Kunstgewerbe, fast mit einem
großer architektonischer Zusammenhänge fortgesehnt- Schlage, um, indem an Stelle des malerisch in sich
ten ist. Die Anfangsprobleme des modernen Kunst- selbst beruhenden, individualistischen Einzelkunstwerks
gewerbes beschränkten sich in der Hauptsache auf das Architekturstück trat, das sein geistiges Leben erst
das neue Ornament und auf die individuelle Aus- aus der Verbindung mit anderen Architekturgenossen,
schmückung praktischer Gegenstände. Doch bald dem ganzen Raum, ja unserem vielfältigen modernen
mußte die Einsicht allgemein werden, daß mit aller Dasein in allen seinen Beziehungen empfing. Dadurch,
Detailästhetik nichts zur Wiedergewinnung der neuen daß der neue architektonische Geist den quellenden
Lebensform getan sei, nach der doch die Sehnsucht Reichtum der Formen bändigte und auf sein natür-
der Künstler wie des künstlerisch mitfühlenden Pu- liches Maß zurückführte, erhielt die Architektur und
blikums ging, so lange der große Hintergrund aller das ganze Kunstgewerbe jene harmonische Bescheiden-
menschlichen Äußerungen, die Architektur in des heit, die ihr als dienende Nutzkunst psychologisch

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