Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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genössische Tapetensammlungen anzuglie-
dern. Eine der letzten Sensationen findet
ja Gefallen an der sterilen Zusammen-
stellung von Schwarz und Weiß im Raum,
auch darauf kann nur als Reaktion eine
schmerzende Buntheit folgen, wie die
Schwarzweißmanie, wie es scheint, eine
wienerische Kaprice, eine Rückwirkung auf
eine Zeit der disziplinlosesten Buntfarbig-
keit war, die vom Balkan heraufflackerte.

Man sieht gerade hieran, wie solche
launische Spielarten von Zeit zu Zeit alle
in der Erfahrung befestigten Grundsätze
der farbigen Raumstimmung über den
Haufen werfen, und es mag das auch ein
Beweis dafür sein, daß sich über die Farbe
nicht so leicht sprechen als handeln läßt.
Nicht nur, wie schon eingangs erwähnt,
Unsicherheiten in der Terminologie sind
es, die die Besprechung schwierig machen,
sondern auch der Geschmack und auch die
vom Geschmack abgesonderte Freude ent-
weder am Herkömmlichen oder an der
Sensation spricht hier mit, von physiologi-
schen odergar pathologischen Empfindungs-
differenzen ganz zu schweigen.

Eines aber scheint sicher zu sein: daß
auch das überfeinerte oder abgestumpfte
Farbenbedürfnis der tristen »Pfeffer- und
Salzstimmung« überdrüssig wird und mit un-
verhohlenem Vergnügen nach bunten Far-
ben greift. Auf die Farbenblasiertheit, mit
der wir auf die Farbenfreude der primitiven
Völker und der unkultivierten Schichten
herabblicken, brauchen wir gar nicht so
stolz zu sein. Auch in der farbigen Raum-
stimmung können wir mehr Farbe ge-
brauchen, ohne allerdings auch hier in das
naheliegende Extrem der durch die Teer-
farbstoffe beinahe möglich gewordenen
Spektrajfarben zu geraten. Wenn sich
solche Übertreibungen nach der einen oder
der anderen Seite auch von selbst richten,
so verwischen sie doch immer etwas von
gesundem Farbenempfinden und vernünf-
tiger Würdigung der Farben.

KUNSTGEWERBLICHE
RUNDSCHAU

LITERATUR

Gesammelte Schriften zur neueren Kunst
von Hugo von Tschudi. (Herausgegeben
v°n Dr. E. Schwedeier-Meyer. Verlag
F- Bruckmann A.-G., München, 1912).
Im Vorwort zu dem Katalog der
Sammiung Nemes hat Hugo von Tschudi
olgende Sätze geschrieben, ohne sich wohl
bewußt zu sein, wie treffend er sich selbst
charakterisierte: »Es ist klar, daß das neue
Verhältnis, das die moderne Kunst zur al-
ten anbahnte, auch an den Galerien alter
Meister nicht spurlos vorübergehen konnte.
Wenn nicht alles täuscht, kommt unter
den veränderten Einflüssen ein neuer Typ

KRIEGSMEDAILLE DER STUTTGARTER METALLWARENFABRIK
WILH. MAYER & FRANZ WILHELM IN STUTTGART, GEPRÄGT
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