Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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NOCH EINMAL: DEUTSCHE SCHMIEDEFAUST! WEHRE DICH!

VON PROF. K.GSCHWEND-HANNOVER

IN Heft 1 des »Kunstgewerbeblattes« ist ein Artikel von
Professor H. Lauterbach veröffentlicht, betitelt »Deut-
sche Schmiedefaust! Wehredich!«, in dem dieser sich
gegen die Anwendung des autogenen Schweißverfahrens
bei Herstellung von Kunstschmiedearbeiten wendet, aber
nur ihre verkehrte Anwendung — wie er ausdrücklich sagt —
als schädigend bezeichnet. Hierauf antwortet in Nr. 4 des-
selben Blattes Oberlehrer Herrn. Richter in abwehrendem
Sinne.

Da die verhältnismäßig neue, noch in der Entwicklung
stehende Erfindung auf dem von Professor Lauterbach be-
rührten Gebiete tatsächlich von einschneidender Bedeutung
werden kann und voraussichtlich auch werden wird, so
mögen Sie noch einem Dritten gestatten, sich in Ihrem
geschätzten Blatte hierzu zu äußern:

Um richtig beurteilen zu können, wie weit eine rein
technische Neuerung die künstlerischen Eigenschaften ge-
werblicher oder industrieller Erzeugnisse — also auch von
Kunstschmiedearbeiten — bei deren Herstellung beein-
flussen kann, muß man zunächst feststellen, ob ihr eine
besondere Wirkung nach dieser Seite beizulegen sei. Jede
tefls/gewerbliche Arbeit — und nur von solchen soll hier
geredet werden, denn andere können im ersten Artikel
nicht gemeint gewesen sein — muß, wenn sie diese Aus-
zeichnung einer nur handwerklichen voraus haben soll,
gewissermaßen doppelt geartet sein, d. h. es ist Bedingung,
daß sie außer der Gebrauchsmöglichkeit und der für ihre
Haltbarkeit notwendigen technischen, auch künstlerische
(ästhetische) Eigenschaften aufweise. Die Entstehung einer
solchen ist deshalb, gleich einem Werke der hohen Kunst,
nicht nur manuell, d.h. mittels Handfertigkeit zu denken.
Man kommt mit Wissen, Erfahrung und Übung, also Er-
lernbarem, allein hierbei nicht aus; es muß nebenbei, ge-
wissermaßen als besondere Zutat, jeder tews^gewerblichen
Arbeit etwas von jenem undefinierbarem Göttlichen zu-
gesellt werden, dessen Besitz allein zur Kunstbetätigung
befähigt, und das wohl veredelt, aber nicht erworben
(erlernt) werden kann. Dieses gewisse Etwas muß wäh-
rend des ganzen Werdeganges der Arbeit die tech-
nischen Hilfsmittel (Werkzeuge) regieren und beein-
flussen, soll dem Werke nach Fertigstellung die Aus-
zeichnung »kunstgewerblich«, mit Recht zukommen. Hieraus
ist ohne weiteres zu ersehen, daß technische Hilfsmittel
auf die Gestaltung dessen, was als das »Künstlerische«
an einem Dinge bezeichnet wird, nur soviel Einfluß ha-
ben können, als seitens des Arbeiters ihnen eingeräumt
wird. Entscheidend ist demnach nicht, welcher Art die
Hilfsmittel sind, derer man sich bedient, sondern wie
man sie gebraucht! Deshalb kann auch ein Maschinen-
erzeugnis künstlerisch sein, wenn es ästhetische Qualitäten
aufweist.

Unter diesem Gesichtspunkte braucht die Zuhilfenahme
der autogenen Schweißung seitens der Schmiedekunst an
und für sich kein Nachteil für diese zu sein, wenn sie
richtig angewendet wird. Aber, daß es nicht geschehen
wird, darin liegt die Gefahr, auf die m. E. Professor Lauter-
bach hat hinweisen wollen, und mit Recht, denn die Be-
hauptung des Herrn Oberlehrers Richter, »der Charakter
der Handarbeit, der der Schmiedearbeit ihre besonderen
Reize verleiht, wird durch das autogene Schweißen nicht
beeinträchtigt«, kann man nur unter Einschränkung gelten
lassen. Beide Schweißarten, die autogene und die Feuer-

schweißung, sind rein technische Arbeitsweisen — ob die
eine leichter erlernbar ist als die andere, ist hier ohne
Belang, dürfte so leicht auch nicht zu entscheiden sein —.
Unbestreitbar aber hat der im Feuer Schweißende den
Vorteil, während er schweißt, gleichzeitig mit seinem
Hammer zu bilden und zu formen, eine Möglichkeit, die
dem autogen Schweißenden nur in geringem Maße zu-
steht. Dieser Mangel kann aber bei den hier berührten
Arbeiten, da wo er einmal besteht, nur selten ausgeglichen
oder beseitigt werden — die Praxis macht gewöhnlich
keinen Versuch dazu —, er bleibt also, als künstlerisches,
nicht technisches, Manko bestehen. Der Hinweis auf die
Praxis und wie diese sich hierzu stellt, können an der Tat-
sache nichts ändern. Daß sie über solche Feinfühligkeit
und ohne sie zu beachten fast stets hinwegschreitet, zeitigt
eben solche Klagen und die Befürchtung, sie werde das
neue Hilfsmittel in erster Linie dazu benützen, ihre Er-
zeugnisse zu verbilligen. Das soll ihr, mit Rücksicht auf
die vielerlei Anforderungen, die an sie gestellt werden,
nicht zum Vorwurfe gereichen. Billig ist ja nicht gleich-
bedeutend mit minderwertig, aber es liegt in der Ge-
fahrzone. Die Schule kann sich jedoch die Beschrän-
kungen, unter denen die Praxis oft arbeiten muß, nicht
ohne Nachteile für den Unterricht auferlegen lassen. Ihr
sind auch noch andere, idealere Ziele, außer den nur für das
nackte Fortkommen zugestutzten gesteckt. Ihre Aufgabe
ist es, die Hand Werkserzeugnisse veredeln, nicht aber
herabdrücken zu helfen. Freilich kann man auch mit Recht
von ihr erwarlen, daß sie die ihr anvertrauten Zöglinge
mit allen einschlägigen modernen Errungenschaften, sofern
sie für ihr späteres Fortkommen von Wert sind und sich
bewährt haben, bekannt macht unter Beiseitesetzen eines
allzu sensiblen Idealismus und persönlicher Abneigung
seitens der Lehrerschaft. Darum braucht man auch als
Lehrer dem autogenen Schweißen nicht feindlich gegen-
über zu stehen; man hat als solcher die Möglichkeit, einer
verfehlten Anwendung desselben seitens der Schüler ent-
gegenzutreten und die interessierten Kreise aufzuklären.
Ja, ich halte es nicht für unmöglich, daß sich Formen
finden lassen, die dieser neuen Technik gewissermaßen
auf den Leib geschnitten sind. Dann kann sie auch dem
Kunstschmied nur ein ganz willkommener Mitarkeiter sein,
wie sie es bis zu einer gewissen Ausdehnung, in rein
technischen Dingen, die an fast keiner Kunstschmiedearbeit
ganz fehlen, tatsächlich jetzt schon ist. Und wenn diese
ideale Erwartung sich nicht verwirklichen sollte, so wird
man an ihre Gebrechen sich allmählich gewöhnen, wie
man sich an das glatte Walzeisen und -blech und andere
Neuerungen hat gewöhnen müssen. Schöner, im Vergleich
mit Arbeiten früherer Jahrhunderte, sind aber die neueren
Kunstschmiedearbeiten durch die Anderserzeugung des
Rohmaterials nicht geworden, und wir wollen uns wehren
gegen die Zumutung, zu glauben, es liege darin keine
Wertherabsetzung für sie. Daß aber selbst in unserer Zeit
unter Umständen die maschinenglatte Fläche als unzuläng-
lich befunden wird, dafür ist Beweis die Tatsache, daß die
heutigen Beleuchtungskörper- und Heizkörperverkleidungs-
Industrien — neben anderen — gehämmert sein sollendes
Blech in Masse verarbeiten. Dieses Blech beweist aber
auch, zu was für Geschmacklosigkeiten die Praxis ihre
Hand reicht. Was in Hinsicht darauf ein echter Kunst-
schmied eben befürchtet und befürchten muß, ist, daß,

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