Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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als: »Ausbleiben des Erlebnisses«. Vergleichen wir mit
einem Rembrandt, einem Grunewald einen Dou, einen
Metsu! Dou und Metsu können vortrefflich malen, sind
überzeugend in ihrer Naturrichtigkeit oder in ihrem Ge-
schmack, aber das Erlebnis bleibt vor ihnen aus, das von
einem Cezanne bis zur Beseligung geklärt, von einem van
Gogh bis zur Erschütterung gewaltsam auf uns eindringt!
Vor einem wahren und echten Kunstwerke fragen wir nach
der Technik, nach der Naturrichtigkeit nicht einen Augen-
blick. Ein Plakat mögen wir daraufhin prüfen, ob es
»geschmackvoll« ist, vor einem Hodler wäre die Frage ver-
ständnislos ! Die Sphäre des Imitativen wie des Geschmackes
reicht an die »Kunst« nicht heran. Ist Dürer »geschmack-
voll«? Ist Giotto naturwahr? Was sie geben, ist geschaffen
aus der Intuition, aus der Phantasie! Ihre Werke ergreifen

uns, weil in ihnen ein Erlebnis liegt. Dinge wie Michel-
angelos Medizeergräber, wie Brunelleschis San Lorenzo,
wie Rembrandts Selbstbildnisse sind eine Deutung der Welt.
Mit einem geringeren Worte läßt es sich nicht bezeichnen!
Sie sind von allen Palmas, allen Teniers, allen Nattiers —
so ähnlich sie dem stumpfen Auge erscheinen mögen und
obwohl sie in den Kunstgeschichten friedlich nebeneinander
stehen — durch Welten getrennt! Es handelt sich nicht um
Gradunterschiede, sondern um Wesensunterschiede! Gerade
das, was an einem Kunstwerke zuerst in die Erscheinung
tritt, die Technik, der Geschmack und die Richtigkeit, be-
deuten für seinen Wert am wenigsten und entscheiden für
die Kunst nichts! Das, was versteckt liegt, was hinter der
Oberfläche und in der Tiefe ist, das ist das Entscheidende:
das Geistige!

DEUTSCHE MODE

REFERAT
FÜR EINEN DISKUSSIONSABEND IM DEUTSCHEN LYCEUMCLUB IN BERLIN AM 26. FEBRUAR 1915

VON RUDOLF BOSSELT

MEINE Damen und Herren! Wir haben die Absicht,
eine deutsche Mode zu schaffen, genauer: die
Führung in der internationalen Mode zu erobern.

Diese Absicht ist aufgesprungen sofort nach Ausbruch
des Krieges, so, als ob sie längst in Bereitschaft gelegen
und nur des äußeren günstigen Anlasses gewartet hätte.

Und in der Tat, soll unsere Hoffnung, das Ziel zu er-
reichen, gegründet sein, muß sie sich auf Kräfte und Ver-
wirklichungsmöglichkeiten stützen können, die vorhanden
sind, die nur freie Bahn verlangen, nicht aber erst neu sich
bilden müssen; und alle Arbeit muß geleitet sein von der
klaren Erkenntnis dessen, was an wesensinneren und
äußeren Bedingtheiten der Mode zugehört.

Die Mode, das heißt der dauernde Wechsel in Form
und Schmuck der Kleidung, ist Ausfluß, Betätigung eines
dem Menschen eingeborenen künstlerischen Triebes, des-
selben der ihn Form und Schmuck für sein Gerät finden,
ihn Tempel und Kathedralen erbauen heißt und ihn zwingt,
seine Empfindungen in Reimen und Tönen ausströmen zu
lassen, in Bildern und Statuen sichtbar zu machen. Der
eigentlich praktische Zweck der Kleidung, uns gegen die
Verschiedenartigkeit der Witterung zu schützen, tritt dabei
ganz in den Hintergrund; handelte es sich nur um Schutz,
würden wenige Typen, die längst ausprobiert wären, für
die verschiedenen Jahreszeiten genügen und hätten durch
die Jahrhunderte die gleichen bleiben können.

Aber gerade der ständige Wechsel bei immer den
gleichen Anforderungen praktischer Art beweist die Vor-
herrschaft des Triebes zu künstlerischem Spiel. Seine Ab-
sicht bei Formung der weiblichen Kleidung ist die Schön-
heit des Weibes, seine in alle Ewigkeit nie versiegende
Quelle die erotische Sehnsucht, seine sichtbare Äußerung
eine Korrektur, Umformung der Natur, die in Zeiträumen
wechselt, aber jeweilig einem bestimmten Ideal des Aus-
sehenwollens folgt.

Wenn Wilde sich tätowieren und bemalen, die Zähne
und die Fingernägel färben, wenn sie Ringe durch die
Nase ziehen oder Holzpflöcke durch die Ohrlappen, wenn
sie das Haar fetten und kunstvoll kräuseln, ist die Ab-
sicht: schöner auszusehen als die Natur sie schuf. Wenn
die Azteken jedem Neugeborenen künstlich die Schädel-
decke abplatten, wenn die Chinesen das Wachstum der
Mädchenfüße gewaltsam zurückhalten, ist die Absicht: eine
Schönheit zu erreichen, die die Natur nicht gab.

Sind das Beispiele von primitiven Völkern oder, nach
unserer Auffassung, barbarischen Sitten, so zeigen sie in
nicht mißzuverstehender Deutlichkeit, was ich bloßlegen
möchte: das Künstlerische, allem Zweckmäßigen abge-
wandte jener Handlungsweise, die einer bestimmten Idee,
einem Ideal des Aussehenwollens folgt und es über die
Natur stellt, dieser, sei es mit Gewalt und unter körper-
lichen Qualen, die Form aufzwingend, die dem Ideal am
nächsten kommt.

Nur aus dieser Auffassung heraus wird uns die Be-
deutung verständlich, die durch die Jahrhunderte in der
weiblichen Mode der Schnürleib besessen hat, noch heute
besitzt und vermutlich weiter besitzen wird.

Der Schnürleib ist ein wundervolles Werkzeug, den
weiblichen Körper nach des Menschen Willen zu formen.
Mit seiner Hilfe wird die Taille lang oder kurz, breit oder
schmal, rücken die Brüste nach oben, zusammen oder aus-
einander, wölbt sich der Leib vor oder wird flach, bilden
sich Hüften oder verschwinden. —

Dem rein künstlerisch erotischen Trieb, dem Grund-
trieb der Mode, das Aussehen des Weibes mit Hilfe der
Kleidung in Form und Farbe nach einem bestimmten Ideal
zu bilden, so daß es schön und verlockend erscheint,
stellen sich verschiedenerlei Hemmnisse entgegen. Zu-
nächst der praktische Zweck, die Anpassung an die Witte-
rung. Wirklich nachgegeben wird dem nur bei der Sport-
kleidung, die recht eigentlich eine Blüte der letzten Jahr-
zehnte ist und oft eine überraschende Vereinigung von
Nützlichkeit und Schönheit zeigt.

Aber für die Kleidung in der Stadt, die im engeren
Sinne unter Mode zu verstehende, wiegt die praktische
Anforderung nicht schwer. Entweder wird neue Schönheit
daraus, wie zum Beispiel bei Verwendung der Boa, deren
Verhüllung anziehender wirken kann als der entblößte Hals,
oder man kümmert sich nicht viel um Wetter, trägt bei
drei Grad minus ruhig durchbrochene Strümpfe und aus-
geschnittene Schuhe, wenn die Mode es verlangt; oder die
Mode kommt dem Wunsch nach geschütztem Fuß ent-
gegen und bringt farbige Gamaschen oder den hohen
Knöpfstiefel mit hellfarbigem Ledereinsatz, der dann aber,
wenn die Mode es nun einmal will, auch bei zwanzig Grad
im Schatten getragen wird.

Mit den praktischen Anforderungen der Zweckmäßigkeit
wird die Mode, so oder so, am leichtesten fertig. Schwie-

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