Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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ELEKTROTECHNIK UND KUNSTGEWERBE

VON DR. ALBERT NEUBURGER, BERLIN

LANGE Zeit sind die Elektrotechnik und das Kunst-
gewerbe nebeneinander hergegangen, ohne daß sie
einen nennenswerten Einfluß aufeinander auszuüben
vermocht hätten. Freilich schuf die Entwicklung der Elektro-
technik, insbesondere die der elektrischen Beleuchtung, dem
Kunstgewerbe neue Betätigungsgebiete, doch vermochte
sich dieses letztere der Eigenart der elektrischen Verhält-
nisse zunächst nicht anzupassen. In der Feststellung dieser
Tatsache soll durchaus kein Vorwurf liegen, denn man
kann ja von einem Künstler schließlich nicht verlangen,
daß er, ehe er an den Entwurf z. B. eines elektrischen
Beleuchtungskörpers herangeht, erst Elektrotechnik, Physik
und Optik studiert, um dann aus der souveränen Beherr-
schung dieser Gebiete heraus sein künstlerisches Können
in die richtigen Bahnen zu lenken.

Angesichts dieser Umstände und angesichts der sich
immer dringender geltend machenden Tatsache, daß die
praktische Verwertung der Elektrizität in den künstlerisch
vollkommener werdenden Innenräumen des Hauses auch
eine besondere kunstgewerbliche Technik verlangt, ist man
dann auf den Ausweg verfallen, den Elektrotechniker mit
dem Künstler zusammenarbeiten zu lassen. Der erstere
besaß die nötigen Kenntnisse des Technischen und der
letztere vermochte dann nach seinen Angaben Schönes und
Befriedigendes zu schaffen. So hat z. B. eine der größten
Elektrizitätsgesellschaften Peter Behrens für sich zu ge-
winnen gewußt und andere sind diesem Beispiel gefolgt.
Diese Lösung mag nun allerdings für den Fabrikanten
elektrotechnischer Bedarfsartikel eine befriedigende sein,
für den Künstler ist sie es sicher nicht. Denn durch eine
derartige enge Verbindung werden viele Künstler von der
Teilnahme am Wettbewerb auf dem Gebiete der Elektro-
technik ausgeschlossen. Sie sind nicht in der glücklichen
Lage, sich von Fall zu Fall mit einem Elektrotechniker
beraten zu können, und müssen deshalb, wenn sie sich
lediglich von ihrem künstlerischen Gefühl, von ihrem ästhe-
tischen Empfinden leiten lassen, mangels gewisser Kennt-
nisse gegen Grundsätze verstoßen, die aus technischen
Gründen bei der Schaffung elektrischer Gebrauchsgegen-
stände unbedingt berücksichtigt werden müssen.

In dieser schwierigen Frage sind nun die Siemens-
Schuckert-Werke auf eine glückliche Lösung verfallen, auf
eine Lösung, die es allen Künstlern ermöglichen wird, sich
den Problemen, die die Elektrotechnik stellt, zuzuwenden.
Es wurden seitens dieser Firma eine Anzahl von Regeln
aufgestellt, die sich jeder Künstler leicht merken und ein-
prägen kann, und bei deren Befolgung er die Gewißheit
erlangt, daß er gegen keines der vom elektrotechnischen
Standpunkt aus zu beobachtenden Gesetze verstoßen wird.
Dadurch wird dann das weite Gebiet der elektrischen
Installation und insbesondere das der Beleuchtung dem
allgemeinen Wettbewerb erschlossen und es können die
Grundsätze, die Hermann Muthesius bei der fünfzigsten
Hauptversammlung des »Vereins Deutscher Ingenieure« im
Jahre 1909 in seinem vielbeachteten Vortrag »Die ästhe-
tische Ausbildung der Ingenieure« aufstellte, auch auf das
Gebiet der Elektrotechnik übertragen werden.

Ehe wir nun diese Regeln — es sind nur sehr wenige —
näher besprechen, wird es nötig sein, zu ihrem Verständnis
auf die Eigenart der elektrischen Installation des Innen-
raumes etwas näher einzugehen. Früher war die Legung
der Leitungen und die Anbringung der Beleuchtungskörper
im ganzen und großen dem Elektromonteur überlassen,

der so drauflosnagelte, wie es ihm gutdünkte. Von ästhe-
tischen Rücksichten ließ er sich nicht leiten. Man empfand
das, was er schuf, auch kaum als unästhetisch, war doch
der Geschmack damals, als die elektrische Beleuchtung
aufkam, noch ziemlich wenig geläutert. Erst durch die in
den letzten Jahrzehnten durchgeführte Verbesserung der
Innenarchitektur, um die sich so viele bedeutende Künstler
hervorragende Verdienste erworben haben, hat sich auch
der Geschmack weiterer Kreise gehoben. Man will jetzt auf
schönen stimmungsvollen Tapeten keine blanken Messing-
rohre mehr haben, in denen die Leitungsschnüre laufen,
und man will die Decke nicht mehr in Abständen von
fünfzig zu fünfzig Zentimetern von isolierenden Porzellan-
knöpfen durchbrochen sehen, an denen die Leitung ange-
bracht wird. Unter allen Umständen muß hier die Forde-
rung aufgestellt werden, daß die Verlegung von Leitungen
nicht mehr dem Monteur überlassen bleibt, sondern daß
der Künstler, der den ganzen Raum entwirft, auch die
Linienführung der Leitungen zu bestimmen und daß der
Monteur nach seinen Angaben zu arbeiten hat. Dieser
letztere glaubt natürlich immer, der geradeste Weg sei der
beste und so wird die Schnur über Ornamente, über Friese
hinweggeführt, mag sie auch noch so sehr stören und mag
ein noch so schönes Motiv dadurch zerstört werden. Gerade
hier kann der Künstler Bedeutendes leisten und viel Unheil
verhüten. Allerdings muß er sich mit den Grundsätzen
der elektrischen Leitungsverlegung vertraut machen, die
sich kurz folgendermaßen zusammenfassen lassen. Es gibt
eine Überputz- und eine Unterputzverlegung. An der Decke
ist, um ihre Einheitlichkeit nicht zu stören, stets die Unter-
putzverlegung zu wählen, d. h. die Leitung muß unterhalb
des Verputzes dahingeführt werden. Welche Regeln hierbei
zu befolgen sind — darüber ist der Monteur hinreichend
unterrichtet. An den Wänden kann bei einfacheren Räumen
anstatt der teueren Unterputzverlegung eine Überputzver-
legung gewählt werden, sofern zu deren Ausführung ge-
eignetes Material zur Anwendung gelangt. Schnüre und
Messingrohre sind kein geeignetes Material, da die ersteren
verschmutzen und die letzteren zu dick und klobig und zu
störend wirken. Hingegen hat die moderne Elektrotechnik
in den »Rohrdrähten System Kuhlo« ein ganz vorzügliches
Material für Überputzverlegung geschaffen. Diese Rohr-
drähte sind dünne feine Drähte, die sich leicht biegen und
allen Linien anschmiegen lassen. Im Gegensatz zu den
alten Messingrohren enthalten sie nicht zwei Leitungsdrähte
sondern nur einen einzigen, weil bei ihnen der Mantel zur
Rückleitung des Stromes dient. Infolgedessen sind sie sehr
dünn. Sie können in jeder beliebigen Farbe gestrichen und
an den Füllungen der Türen, an den Ecken der Zimmer,
unterhalb der Auskragungen, der Friese usw., entlang ge-
ührt werden, ohne daß man sie überhaupt als störend
bemerkt, sofern nur ihr Anstrich mit dem der Umgebung
übereinstimmt bezw. wenn sie mit Tapete überklebt werden.
Was sich aber jeder Künstler merken muß, ist die Tatsache,
daß das Installationsmaterial sehr billig ist und daß einige
Meter mehr nicht viel kosten. Deshalb schrecke man vor
Umwegen nicht zurück und lege den Rohrdraht stets so,
daß er in der beschriebenen Weise läuft. Niemals lasse
man den Monteur allein wirtschaften, der immer direkt auf
sein Ziel losgeht, ganz gleich, auf was er dabei unter-
wegs stößt.

Ein arges Schmerzenskind der Elektrotechnik wie des
Kunstgewerbes sind die Schalter, mittels deren die Be-

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