Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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ist es nötig, daß sich die Tätigkeit der Syndikate fühlbar
macht. Und diese müssen auch für Verbreitung der Idee einer
besseren Organisation Sorge tragen und die Notwendigkeit,
unseren Export zu entwickeln, schlagend dartun. Ohne die-
ses, Deutschland besiegt, werden die Deutschen in der ganzen
Welt verbreitet sein und ihr Einfluß wird weiter bestehen.
»Folgen wir also der Einladung der Handelskammer
und schicken Missionen hinaus, um die Bedürfnisse der
fremden Länder zu studieren. Machen wir eine gemein-
schaftliche Reklame, gemeinschaftliche Kataloge und ge-
meinschaftliche Reisende. Diese Ideen sind nicht neu.
Wievielmal sind dieselben nicht durch unsere Konsuln vor-
geschlagen worden, welche aber jetzt von diesem Alarmruf
ermüdet sind. Um die sich anhäufenden Ruinen wieder gut-
zumachen, welche jeden Tag zahlreicher und schwerer
werden, können wir nicht genug gemeinsame Energie in
unseren Vereinigungen aufbringen. »Schließlich schlägt Herr
Aine am Ende seines Vortrages ein Syndikats-Plakat vor.
Wie dieses Schild als hervorragende Marke im Prinzip sein
soll, ist Aufgabe der allgemeinen Stoff-Vereinigung. Der
Hauptschmuck dieser Marke könnte bei allen Syndikaten
der Vereinigung gleich sein. In jedem Syndikat könnte
jedes Mitglied seine laufende Nummer in der Ecke dieser
Marke verzeichnet haben, welche alsdann den Wert einer
Fabrikmarke hätte. Dieses Syndikats-Plakat auf den Fak-
turen gewisser Artikel angebracht, würde die Worte ersetzen
»Mode de Paris«, »Nouveaute de Paris«, welche den
Deutschen überlassen blieben. Das Plakat würde also das

Privilegium der französischen Häuser sein, und würde eine
Rückkehr zur Korporation sein. Nach Herrn Aine, welcher
großen Beifall hatte, sprach Herr Rene Schiller, ehemaliger
Vorsitzender des Syndikats der Passementerie, von der
Rolle der Kommissionäre in Zukunft. Herr Muelle, Vize-
präsident des Syndikats der Herrenschneider, sprach über
die nötige Verständigung zwischen den verschiedenen Be-
kleidungsindustrien.

Aus dem Bericht des Herrn Aine, ganz besonders aber
aus den verschiedenen Exposes, geht die Notwendigkeit
einer sehr engen Verständigung zwischen den verschiedenen
Syndikaten hervor, die Notwendigkeit der Verbindung zu
einem gemeinschaftlichen Kampf zugunsten der gemein-
schaftlichen Sache, welche diejenige der französischen In-
dustrie ist, die Notwendigkeit ferner einer besseren Ver-
tretung auf den fremden Märkten, wo unsere Agenten in
der Minderheit sind, und schließlich die Notwendigkeit für
jeden, voll und ganz seine Pflicht zu tun, wie es nicht
immer gewesen ist, und mitzuarbeiten an dem wirtschaft-
lichen Werk, an dem großen Werk der Wiedergeburt, wie
es zurzeit unsere bewunderungswerten Soldaten tun.

(Die französischen Schneider haben alle Veranlassung,
die deutsche Konkurrenz zu fürchten; es wird auch in
Deutschland bereits sehr fleißig und erfolgreich gearbeitet.
Die unter dem Protektorate der deutschen Kronprinzessin
im Preußischen Abgeordnetenhause abgehaltene Mode-
schau des Deutschen Werkbundes war auch ein voller künst-
lerischer Erfolg! Red.)



KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







TODESFÄLLE

Theodor Raspe f. An der Spitze seiner Kompanie
erlitt am 24. April in Flandern den Heldentod der Leutnant
und Kompanieführer im 77. Landwehr-Infanterie-Regiment
Dr. Theodor Raspe, Museumsdirektor in Oldenburg, 36 Jahre
alt. Geboren in Rostock, war er nach seiner Ausbildung
mehrere Jahre lang Assistent am Museum für Kunst und
Gewerbe in Hamburg, also ein Schüler unseres unvergeß-
lichen Justus Brinckmann, bis er am l.Mai 1909 als Direktor
an das Kunstgewerbemuseum nach Oldenburg berufen
wurde. Durch eine neue Beordnung der damals noch dem
Oldenburgischen Kunstgewerbeverein gehörigen Samm-
lungen setzte er alsbald die Bedeutung dieses hervor-
ragenden nordwestdeutschen Kunstgewerbemuseums in das
rechte Licht. Mit der Verstaatlichung desselben trat er
am 1. Januar 1914 in den oldenburgischen Staatsdienst
über. Das bisherige Museumsgebäude ist abgerissen, ein
schon beschlossener Neubau infolge des Krieges noch nicht
begonnen, aber von Raspe bereits vorbereitet. So ist er
mitten aus einer schönen Lebensaufgabe dahingerafft. Seine
Freunde, seine Kollegen und alle Oldenburger werden den
einfachen, vornehmen Menschen von reinstem Charakter
und tiefstem Wissen, der in Oldenburg schwer zu ersetzen
sein wird, nie vergessen. Riesebieter.

PERSONALIEN

Prof. Dr. G. E. Pazaurek. Zu seinem 50. Geburtstag.
Am 21. Mai d. J. wurde der Vorstand des Landes-Gewerbe-
museums in Stuttgart Prof. Dr. G. E. Pazaurek 50 Jahre alt.
Aus diesem Anlasse darf wohl auch hier auf die großen
Verdienste hingewiesen werden, die er als unermüdlicher
Kunstforscher wie auch als eifriger Förderer des modernen,
deutschen Kunstgewerbes zu verzeichnen hat.

Geboren 1865 in Prag wählte er nach Absolvierung

des dortigen Gymnasiums die juristische Laufbahn, sattelte
aber bereits nach zwei Semestern wieder um und wurde
Kunsthistoriker. Als solcher erwarb er sich 1888 an der
Prager Universität das Doktorat und widmete sich zunächst
der Kunstgeschichte Böhmens. Hierin bestand auch seine
Dissertation über den Maler Karl Skreta (1889), und daran
anschließend sollte die noch mehr als lückenhaft, vielfach
unter dem tschechischen Gesichtspunkte wirklich ganz
falsch aufgefaßte Kunstgeschichte Böhmens in mehreren
Werken zur Darstellung gelangen. Mitten in diese umfang-
reichen Studien, die leider nicht zum Abschluß kommen
konnten, fiel im November 1892 die Berufung zur Leitung
des Nordböhmischen Gewerbemuseums in Reichenberg,
das er in bescheidenem Umfange übernahm und reich aus-
gestattet und in der Fachwelt zu Ansehen emporgeblüht
Ende 1905 seinem Nachfolger übergeben konnte. Seit
1. Januar 1906 ist Prof. Pazaurek Vorstand des Königl.
Landes-Gewerbemuseums in Stuttgart, wo er eine noch
dankbarere, reformatorische Tätigkeit entfalten konnte, so
daß sich diese Anstalt heute in den vordersten Reihen der
angesehensten deutschen Museen befindet.

Die Sorge um die Ausgestaltung und Fruchtbarmachung
der Museumssammlungen von Reichenberg und Stuttgart
ist wohl die hauptsächlichste, aber keineswegs einzige
Tätigkeit Pazaureks. Diese liegt zunächst vielmehr in der
Veranstaltung zahlreicher Ausstellungen, darunter seien die
ersten mit »Beleuchtungskörper« und »Porträtminiaturen«,
die lange vor Berlin, Wien usw. in Reichenberg gezeigt,
erwähnt; ferner in Stuttgart die große Ausstellung »Sym-
metrie und Gleichgewicht« (1906), »Studentenkunst« (1908)
mit den drei kleineren auf Wettbewerb fußenden Nach-
züglern »Trinkgefäße«, »Stammtischständer« und »Stu-
dentische Graphik«; ferner »Dreierlei Rokoko« (1909),
»Ehrenurkunden und Ehrenpreise« (1910), »Glasperlen-
arbeiten« und »Glassilhouetten« i(1911), »Gebrauchszinn

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