Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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und Stickerei, um langsam an Selbstbewußtsein und Über-
zeugungskraft zu erstarken. Dann erst fand das Neue Ein-
gang in die Raum- und Baukunst und auch hier vorerst
nur in die Profane; also dort, wo das Symbol der Form
•keine höchsten Lebensinhalte auszudrücken hatte. Selbst
für Prunkräume und Prunkbauten reichte der Formvorrat
nicht sogleich aus, weil die überlieferte Ideenverbindung
von Prunk mit ganz anderen Symbolen zu fest verknüpft
war. Nur schrittweise eroberte sich die neue Kunstsprache
auch das Gebiet der Repräsentations- und Sakralbauten,
seit sie ihre Formsymbolik in jeder Weise zu steigern
und allgemein verständlich zu machen vermochte. Aber
noch heute haben viele, und darunter die an Kapitalkraft
reichsten, Mühe, die traditionellen Ideenverbindungen von
Heilig mit Ootik und Romanik, streng und gemessen mit

Klassik oder Empire und prunkvoll mit Barock und Rokoko
zugunsten der neuen Werte aufzugeben.

Wenn diese Erkenntnis auch für die neueste Richtung
in der Malerei anzuwenden ist, so scheint es gar nicht
möglich, daß heute schon die großen Inhalte unserer
»großen Zeit« in der Kunst dargestellt werden. Es wäre
denn eine akademische Kunst, eine Kunst also, die ihre
Form nicht erst sucht und entwickelt, sondern sie als etwas
Fertiges und daher Totes übernimmt. Das Große, Neue
muß die Form sein, die ganz von selbst den Inhalt finden
wird, an dem sie sich erweisen kann, ganz gleich ob
es heute ein Stilleben von Blumen oder ein Schlacht-
getümmel ist. In der Bildung, Formung der Dinge muß
sich erweisen, was an Kraft, Bindung und Allgemeingefühl
aus der Zeit in uns übergeht.

IM FEGEFEUER DES KRIEGES

VON FRANZ MARC (Z. ZT. IM FELDE)

IM ANFANG WAR DIE TAT

WAS wir Krieger in diesen Monaten draußen erleben,
überragt in weitem Bogen unsere Denkkraft. Wir
werden Jahre brauchen, bis wir diesen sagenhaften
Krieg als Tat, als unser Erlebnis werden begreifen können.

Vielleicht schürfen die in der Heimat Verbliebenen
schon ein paar Schichten tiefer in seinen Geheimnissen.
Wir, die wir draußen sind, immer Erwartungen und Befehle
im Kopf, unermüdlich reiten und marschieren, um dann ein
paar Stunden zu schlafen wie die Bären — wir können
nicht denken. Wir können nur primitiv erleben; unser Be-
wußtsein schwankt oft zwischen zwei Fragen: Ist dieses tolle
Kriegerleben nur ein Traum, oder sind unsere Heimatge-
danken, die uns manchmal streifen, der Traum? Eher scheint
beides ein Traum zu sein, als beides wahr.

Wir liegen hier an einem Waldrand mit unseren Muni-
tionswagen; gewitterartig rollt der Kanonendonner am
ganzen Horizont. Überall die kleinen Sprengwölkchen;
beides gehört schon zur Landschaft, wie auch das Echo,
das jeden Schuß verdoppelt weiterträgt. Plötzlich ein Surren,
das in einem ungeheuren Bogen über uns weggeht, ungleich,
in steten Schwingungen, übergehend von hellem Pfeifen in
tiefes Brummen; wie der hohe, weite Schrei des Raubvogels,
immer kurz hintereinander, mit dem Eigensinn des Tieres,
das keinen anderen Ruf kennt. Dann in der Ferne ein
dumpfer Knall. Es sind schwere feindliche Artilleriege-
schosse, die über uns wegrasen, nach einem uns unbe-
kannten Ziel. Ein Schuß zieht den anderen nach. Der
Himmel steht im reinsten Herbstblau, und doch fühlen
wir die hohen Rinnen, in denen die Geschosse ihn durch-
stürmen.

Der Artilleriekampf hat selbst für den Artilleristen
oft etwas Mystisches, Mythisches. Wir sind Kinder zweier
Weltalter. Wir Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts
erfahren täglich, daß alle Sage, alle Mystik, aller Okkultis-
mus einmal Wahrheit wird, also auch einmal Wahrheit ge-
wesen ist. Was Homer von dem unsichtbaren, donner-
grollenden Zeus singt, dem fernhintreffenden, und von Mars
mit seinen unsichtbaren Pfeilen, wir haben es zur Wahrheit
gemacht. Und doch schützt uns alles Wissen nicht vor
dem mystischen Schauer.

Man sagt uns, daß das nahe Städtchen S. vom Feind
in Brand geschossen wird, also liegen wir wohlgeborgen

unter dem Zenit der großen Geschoßkurve. Wir bleiben
die Nacht in Stellung; das Sausen tönt über uns lautsingend
durch die klare Nacht. Wir schlafen in unsere Mäntel ge-
hüllt. Die Pferde senken die Köpfe und ruhen im müden
Stehen.

Nun ist ein jeder für sich und kann träumen, denken,
wenn ihm der Schlaf die Gedanken nicht abreißt.

In einer kleinen Ecke unseres Bewußtseins grübeln wir
vielleicht noch zwischen Wachen und Schlafen:

Kaum war ein großer Krieg weniger Rassenkrieg als
dieser. Wo ist heute die germanische Rasse? Hat dieses
Wort je ein größeres Fiasko erlebt? Man wird sich end-
gültig daran gewöhnen, anstatt »germanisch« das Wort
»deutsch« zu setzen; dafür wird der deutsche Adler auch
ein paar wuchtige Krallen mehr in sein Wappen bekommen;
den neuen deutschen Adler möchte ich gern zeichnen, wenn
dieser Krieg einmal vorbei ist.

Ja, wenn dieser Krieg einmal vorbei ist, was wird
dann in Deutschland?

Wird es neben dem politischen Deutschland auch ein
künstlerisches geben?

Wir haben in den letzten Jahren vieles in der Kunst
und im Leben für morsch und abgetan erklärt und auf neue
Dinge gewiesen.

Niemand wollte sie.

Wir wußten nicht, daß so rasend schnell der große
Krieg kommen würde, der über alle Worte weg selbst das
Morsche zerbricht, das Faulende ausstößt und das Kom-
mende zur Gegenwart macht.

SONDERN MAN SOLL DEN WEIN
IN NEUE SCHLÄUCHE FASSEN

Durch diesen großen Krieg wird mit vielem anderen,
das sich zu Unrecht in unser zwanzigstes Jahrhundert hin-
übergerettet hat, auch die Pseudokunst ihr Ende finden,
mit der sich der Deutsche bislang gutmütig zufrieden ge-
geben hat.

Der Drang der Deutschen, formbildnerisch Neues in
Musik, Dichtung und Kunst aufzunehmen, war in der letzten
Generation so gering, daß man sich die schlechtesten und
fadenscheinigsten Wiederholungen alter guter Kunstformen
gefallen ließ. Das Volk als Ganzes ahnte wohl den großen

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