Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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KUNSTGEWERBEBLATT

NEUE FOLGE (SH 91^/15 1S 26-JAHRGANG

REDAKTION:

WANNSEEBAHN

FRITZHELLWAO IN
BERLIN-ZEH LENDORF-
TELEPHON: ZEHLENDORF 1053

VERLAG:

E. A. SEEMANN IN LEIPZIG,
HOSPITALSTR. IIa- TEL. 244

HEFT 12
SEPTEMBER

VEREINSORGAN °™£Ä

BERLIN, DRESDEN, DÜSSELDORF, ELBERFELD,
FRANKFURT A. M., HAMBURO, HANNOVER, KARLS-
RUHE I. B., KÖNIGSBERG I. PREUSSEN, LEIPZIG,
MAGDEBURG, PFORZHEIM UND STUTTGART bseh

KUNSTLERISCHE GRUNDLAGEN FÜR DAS BERUFS-SCHAFFEN

DER MUSTERZEICHNER

ERGEBNISSE EINES KURSES ZUR WEITERBILDUNG VON BERUFSMUSTERZEICHNERN UNTER

LEITUNG DES MALERS HAROLD BENGEN
VON HERMANN WEISS

TROTZDEM es schon oft unternommen wurde,
ein besseres Verhältnis zwischen den kunstge-
werblichen Unterrichtsanstalten und der kunst-
gewerblichen — besser: kunstindustriellen — Praxis
zu schaffen, sind die Beziehungen beider zu einander
noch immer recht lose. Die an den Kunstgewerbe-
schulen entwickelte künstlerische Formengebung wird
von der Praxis nur teilweise übernommen. Die kunst-
industrielle Produktion geht im wesentlichen noch
immer ihre eigenen Wege, trotzdem sie sich starken
Einflüssen stets zugänglich erweist. Dieser Gegensatz
zwischen Schule und Praxis ist für den Kunstgewerbe-
zeichner recht übel. Er steht fast ausschließlich im
Dienste der Industrie, ist aber zumeist an den Kunst-
gewerbeschulen ausgebildet worden. Wenn er, noch
voll von modernen künstlerischen Ideen, in die Be-
rufspraxis eintritt, stößt er sogleich auf eine Tradition,
die in einem recht fühlbaren Gegensatz zu dem Ge-

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lernten und Anerzogenen der Kunstgewerbeschule steht.
Sie zwingt ihn in ihren Bann, weil sie den wirtschaft-
lichen Interessen des industriellen Unternehmens ge-
recht wird. Darum wirkt sie in der Folge fast aus-
nahmslos stärker auf sein Berufsschaffen ein, als die
Besonderheiten der künstlerischen Schulung an den
kunstgewerblichen Unterrichtsanstalten.

Die Arbeit des Musterzeichners wird im Geschäfts-
leben wie jede andere danach bewertet, was sie an
Gewinn einbringt. Der Maßstab hierfür ist die Gang-
barkeit der Muster und ihre Menge. Der gilt als der
tüchtigste Zeichner, der darin das Meiste und Beste
leistet. Das macht den Zeichner allmählich unweiger-
lich zum Routinier. Außer der Menge wird die äußere
Wirkung seiner Muster zur Hauptsache. Sein Streben
geht nach bestechender »Aufmachung«. Er erwirbt
sich dabei, wenn er gut veranlagt ist, ganz hervor-
ragende technisch-zeichnerische Fertigkeiten. Sein Strich

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