Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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Josef Hoffmann, Wien

Das Österreichische Haus anf der Deutschen Werkbund-Ausstellung Köln 1914

DEUTSCHE MODE

VON Dr. ALEXANDER ELSTER, BERLIN-FRIEDENAU

DER »Deutsche Werkbund« hat sich in dankenswerter
Weise des Problems angenommen, wie man eine
deutsche Mode schaffen könne. Denn die Befreiung
Deutschlands von jeder ausländischen Bevormundung ist
berechtigt und an der Zeit.

Eingebildete Vorurteile zugunsten ausländischer Er-
zeugnisse sind heute lächerlicher als je. Was deutscher
Fleiß, deutsche Kunst und Geschicklichkeit herstellen, soll
auch als deutsch gelten und nicht mehr nötig haben, unter
falscher Flagge zu segeln.

Soweit sind wir wohl alle einig. Auch darüber sind
wir uns einig, daß es lächerlich wäre, heute über so
nebensächliche Dinge wie Mode und Putz zu sprechen,
wenn nicht die industrielle und wirtschaftliche Zukunft an
dieser Frage ganz lebhaft interessiert wäre, ja, wenn nicht
sogar unser Markt für das neutrale Ausland sehr beträcht-
lich davon abhinge. Einsichtige Beurteiler dieser Frage
betonten die Möglichkeit, daß dies Ziel erreicht werden
könne. Paris habe einen Vorrang im wesentlichen, weil
seine Vorherrschaft durch die Legende geschaffen wurde,
dann weil es das Reiseziel vieler sei, weil es die beste
Vertretung der Industriezweige aufweise und einen Mittel-
punkt des gesellschaftlichen Lebens bilde und weil es
über eine vorzügliche Zwischenindustrie verfüge. Man
meinte, mit gutem Material, einem sicheren Gefühl dafür

und einer Künstlerschaft im Kleiderentwerf en sei das Wesent-
liche zu erreichen.

Dieser Strauß von Ursachen ist wohlgebunden und
entspricht der Wirklichkeit. Aber die wichtigste Blume
fehlt darin. Alle diese Gründe sind nicht die grund-
legenden, sie sind nur Attribute, die der Vormachtstellung
von Paris zu Hilfe kommen, aber sie nicht zutiefst und
innerlichst begründen. Vergegenwärtigen wir uns stets
dabei, daß wir, wenn wir von »Mode« sprechen, nicht
etwa nur »gut angezogen« meinen. Denn das ist zweier-
lei. »Gut angezogen sein« kann außer oder hinter der
Mode liegen, ist ein feststehender Begriff des Dauernden.
Modern sich kleiden aber ist etwas Krauses, Schwankendes,
etwas Neues — eine Proteusgestalt, die, kaum erfaßt,
schon wieder sich verwandelt hat. Wollen wir von Mode
sprechen und dabei im engen und wahren Sinne die Kleider-
mode meinen, so dürfen wir bei ihrer Schöpfung — soll
sie Paris ersetzen oder aus dem Sattel heben — zweierlei
nicht vergessen: die Bühne und die Erotik.

Warum war Paris die Führerin der Mode? Dafür
gibt es nur eine einzige wirklich durchlagende Erklärung
(alles andere ist nur mitwirkende Ursache): Die Französin
ist für eine bestimmte, erotisch betonte Weiblichkeit eine
Idealgestalt geworden, die vor allen Dingen jene große
Leichtigkeit und Fähigkeit besitzt, neue Moden schick zu

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