Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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Hugo Eberhard, Offenbach

Die Verkehrshalle auf der Deutschen Werkbund-Ausstellung Köln 1914

tragen und zu lancieren, der Franzose aber hat die Leichtig-
keit des Gemüts, diese Dinge zu begreifen, zu fördern und
darin tätig zu sein. Sombart und Schellwien haben in
ihren Büchern über diesen Gegenstand die Gründe hierfür
zusammengetragen und Sombart konnte in seiner Analyse
von Liebe, Luxus und Kapitalismus nichts Besseres tun,
als seine These an französischen Verhältnissen zu erweisen.
Ganz richtig sagt Schellwien: »Die große Demimondaine
in erster Linie ist hier der Mannequin; sie lanciert die
neue Mode; es ist interessant, die Damen der Halbwelt
hier als Mitarbeiterinnen bei Transaktionen zu sehen, deren
Gelingen unter Umständen gewaltige wirtschaftliche Werte
erzeugt und sehr bedeutenden Teilen des Wirtschaftslebens
für eine gewisse Zeitdauer ihr Gepräge aufdrückt. Auch
die bekannten Bühnengrößen wirken in diesem Entstehungs-
prozeß der neuen Mode mit.« Und Sombart sagt: »Vor
allem die großen tonangebenden Kokotten und nächst ihnen
die Heldinnen der Bühne — im Frühjahr 1899 beispiels-
weise die Me. Bartel als Francillon, heuer mit Vorliebe
die Rejane, die der Mannequin Doucets ist — dienen dazu,
die meisten Schöpfungen der genannten Herren, wie der
Ausdruck lautet, zu ,lancieren'. Dieweil aber die Herr-
schaft der Demimondaine über Paris naturgemäß im Winter
geringer ist als in der guten Jahreszeit, so liegen die eigent-
lichen Schöpfungtage der Mode im Frühjahr und Herbst.«
Es ist natürlich zu beachten, daß sich diese Gesetze
im Unbewußtsein bilden, in gleicher Weise, wie überhaupt
das ganze durch Kultur und christliche Sittenordnung
zurückgedrängte Sexualleben, das in primitiven Zeiten an
der Oberfläche lebte, in die Abgründe des Unbewußten
gedrängt worden ist. Von da wirkt es aber weiter, im

Traum und Krankheit tritt es über die Schwelle und in
der Massenpsychologie wird es stets über diese Schwelle
treten, mag es auch in ernsten und schweren Zeiten vor-
übergehend zurückgedrängt sein.

Von da her kommt auch das ganze Spiel des Zeigens
und Verhallens der Reize, und die Mode hat die Aufgabe
übernommen, dieses Spiel zu lenken, die geheimen Wünsche
immer, sei es in Kampf, sei es in ein Kompromiß mit den
Sittengesetzen zu bringen, und sie wird so zum Anwalt
der unbewußten Sehnsucht und des zurückgedrängten
Triebes. Es ist die dauernde Wirksamkeit jenes symbo-
lischen Gedankens, der schon in der biblischen Geschichte
des Sündenfalles zum vollendeten Ausdruck kommt: die
Kleidung als Zeichen erotischen Schuldgefühls.

Dazu gesellt sich dauernd das Veränderungsbedürfnis,
das immer wirksam bleibt, und das, weil der Mann die
polygam veranlagte Natur ist, sich eben um so mehr in
der weiblichen Kleidung ausdrückt, diese also dem Mode-
wechsel um so stärker unterwirft. Denn es wäre falsch,
zu behaupten, daß die Frau nur um ihrer selbst willen
Mode treibt. Können wir den Modewechsel wie die
Moderichtung aus dem erotischen Tierleben erklären, so
haben wir wirklich eine Erklärung, die stark genug ist, um
als letzte Erklärung - natürlich neben den weiteren
soziologischen Ursachen wie soziales Unterscheidungs-,
Nachahmungs- und Nivellierungsbedürf nis — gelten zu dürfen.

Trotz alledem ist natürlich nicht gesagt, daß das
erotische Moment, das die Mode leitet, nicht veredelt, ver-
schönt, verklärt in die Erscheinung treten könnte. Im
Gegenteil: wie es fast durchweg in den von der Kultur
beeinflußten erotischen Dingen der Fall ist, wandelt sich

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