Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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unterzutauchen; später Anleihen und Entlehnungen
aus geschichtlich Gewordenem. Und jetzt: zum ersten
Male das Hinauswachsen über die Enge des nur
organischen Gestaltens.

Und diese letzte Richtung des Kunstgewerbes, die
nur in schüchternen Versuchen sich ängstlich hervor-
wagen kann, unternimmt es endlich, sich der sinn-
lichen Kraft des Gefühls und der schöpferischen Ge-
staltungsgabe der Phantasie schrankenlos zu freuen.

Ob es dieser Richtung gelingt, dauernde Kunst-
werte zu schaffen, wer vermöchte es zu sagen? Aber
daß sie den Anspruch hat, heute schon gehört zu
werden, fordert die Achtung vor jedem innerlich
ernsthaften Schaffen. Der Werkbund, der auf seiner
Ausstellung in Köln 1914 einen Überblick gab über
die Entwicklung des neuen Kunstgewerbes, hat auch
dieser künstlerisch schöpferischen Richtung des neuesten
Kunstgewerbes seine Beachtung geschenkt.

KUNSTSORGEN

VON VICTOR WALLERSTEIN

SO wie der Einzelne gern über die trübe Gegenwart
oder ein noch zu übersteigendes Hindernis hinwegsieht
in die lichtere und glattere Bahn der Zukunft, so über-
gehen wir als Volk für Augenblicke die von Opfern lebende
Gegenwart mit der Frage: Was dann? Nach den Hoffnungen
und Wünschen für das Ganze, den ganz nahen Bedürfnissen
des Tages hat jeder Stand seine Sonderhoffnungen und
seine spannende Angst um das, was ihm besonders am
Herzen liegt. Daß von diesen Sorgen, die um die Zukunft
der Kunst bei allen, die ein Verhältnis zu ihr haben, vor
das Bewußtsein tritt, ist nicht weiter zu verwundern. Vor
dem Krieg gab es vielleicht kein einziges Gebiet, auf das
die Allgemeinheit Anspruch und Einfluß hat, das so sehr
unter Verwirrung litt wie grade die Kunst. So hofft man
von allen Seiten, der Krieg werde bringen, was der Frieden
nicht vermochte: Einheit, Sammlung und damit endlich Er-
füllung unserer Kunstbedürfnisse. Man klagte ja immer
darüber, daß die großen Allgemeingefühle fehlten, die
mächtigen Konventionen und alle Übereinstimmung darin,
was uns wert und würdig scheint, — nun wären die Vor-
bedingungen ja erfüllt! Niemand kann sich heute den
Komplexen der allgemeinen Gedankenrichtung entziehen.
Auch praktisch sind manche Hindernisse hinweggenommen.
Der Import von ausländischer Kunstproduktion, der von
manchen Seiten so sehr beklagt und als Schaden der eigenen
hingestellt wurde, auch dieser ist so gut wie beseitigt.
Wenigstens auf lange hinaus. Die Kaufkraft als letzter und
auch sehr wichtiger Faktor wird erst mitsprechen, wenn
das Objekt da ist, das gekauft werden soll; sie kommt für
die Produktionsmöglichkeit vorerst nicht in Frage.

So sollte man meinen, daß alle Parteien auch in
der Kunst nun aufhören müßten, denn für alle besteht
nun die gleiche Stellung im Wettkampf um die neuen
Werte. Sie alle haben sich nur des geistigen Inhaltes
unserer Zeit zu bemächtigen, und ihn nach ihrer Weise
auszudrücken.

Nach ihrer Weise! Das aber ist der Haken! Jede
Gruppe wird aus den zeitlichen Erscheinungen die Probleme
heraussehen, die ihr künstlerisch wertvoll scheinen. Die
älteste wird vielleicht den Inhalt gleichsam nackt bringen,
Schlachtgetümmel, sterbende Soldaten, Verwundete, denen
eine liebe Hand die Schmerzen lindert, und so fort. Eine
andere wird die rasende Bewegung der Dahinstürmenden,
das Zerplatzen der Geschosse mit seinen Lichterscheinungen
in mächtigen Kompositionen zu halten versuchen, eine
dritte aber wieder fast unberührt von allem Gegenwärtigen
die unschuldigsten Dinge des Tages in Veränderungen
wieder erschaffen, von denen wir uns vorher keine Vor-
tellung mach en konnten. Man wird in ferner Zukunft nur

erkennen, daß es neue Dinge sind, nicht aber durch einen
Wink erinnert werden, daß sie in dieser Zeit des mäch-
tigsten Völkerkampfes entstanden. Ebensowenig wie wir
aus der holländischen und vlämischen Malerei des 16. und
um die Wende zum 17. Jahrhundert die schrecklichen Kriegs-
zeiten herauszulesen vermögen, die rings um die stillen
Maler der Eisplätze, der friedlichen Marinen und modischen
Gesellschaften gewütet haben.

Die Kunst interessiert nicht unbedingt das, was die
Zeit erfüllt, ebensowenig wie alles, was die Zeit erfüllt,
in der Kunst Ausdruck finden kann. Es gibt keine Kunst
schlechtweg, sondern nur die in der Zeit und damit in
ihren Mitteln begrenzte Kunst. Die Mittel der Kunst von
heute sind nicht die von gestern und morgen. Die Kunst
hat ihre eigene Entwicklung, und ihre Phasen werden
Formungen immer nur für ganz bestimmte Inhalte besitzen,
während andere, und seien diese noch so bedeutsam und
für die Zeit maßgebend, außerhalb bleiben müssen. Es
liegt auch in der Natur einer Entwicklung und ihrer mensch-
lichen Träger, daß sie sich allmählich vollzieht, und also
Vertreter der älteren und neuesten Phasen gleichzeitig
nebeneinander existieren. Daran kann auch der Krieg nichts
ändern. Ebenso natürlich aber ist, daß unser Blick auf
die jüngste dieser Phasen fällt, sobald wir Hoffnungen auf
die Zukunft prüfend vor uns vorbeiziehen lassen; aber
gerade der wirft man vor, sie verfolge vom Leben abseits
stehende, rein artistische Tendenzen; menschlich seien ihre
Erzeugungen leer, gleichgültig.

Wenn auch alle Kunst von der Oberfläche der Dinge
zu ihrer Wesenheit, zu ihrem Absoluten zu gelangen strebt,
so gilt dies von der jüngsten Richtung in erhöhtem Maße.
Die Formungen, die sie auf diesem Wege findet, genügen
vorerst nur spärlich, um die im Weltbild aufgefundenen
neuen Ursächlichkeiten auszudrücken; und selbst diese
wenigen Formungen haben sich erst zu beweisen, durch-
zusetzen und uns von der Kraft ihrer symbolischen Sprache
zu überzeugen. Deswegen sind die Aufgaben, an die man
herangeht, einfach; einfach aus Not. Komplexe, Inhalte,
Leben- und Weltzusammenhänge darzustellen, stände gar
nicht mit der Stufe im Einklang, auf der sich gerade die
Entwicklung der Kunst zufällig befindet. Ob überhaupt
in den angestrebten Formungen solche Inhalte Aufnahme
finden können, wird sich aus vielen Gründen noch nicht
sagen lassen. Nur das eine wissen wir: Heute reichen
diese Formungen noch nicht aus, um das Höchste und
Würdigste unseres Lebens zu gestalten.

Als vor ungefähr zwanzig Jahren das neue deutsche
Kunstgewerbe in Erscheinung trat, zeigten sich die neuen
Formen zuerst an Tintenzeugen, Eßbestecken, Buchschmuck

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